Bruder Gelbmann

„Hm“, hob Magdalena an, „Bruder – Bruder Gelbmann, verlangt dich nach etwas … dürstet dich, oder …?“

„Ein Schluck Wasser wär schon recht, schmpff“, sagte der Grauhaarige, ohne den Blick von den Frauen zu wenden. Er hatte etwas Lauerndes an sich.

Inge starrte ihn an, ohne sich zu rühren, bis Magdalena ihr einen Stoß in die Seite gab, dann sagte sie: „Oh ja, natürlich“, und zog unter dem Sitz die Wasserflasche hervor. Für einen Augenblick wusste sie nicht, was sie tun sollte, der Mann blieb auf seinem Weidenkorb sitzen und rührte sich nicht, aber dann bedachte sie sich und stieg hinunter, mit Würde, trat auf den Händler zu und fragte: „Hast du einen Becher?“

„Oh, gewiss, Schwester“, antwortete er und zog aus einer Seitentasche seines Rockes einen hölzernen Napf hervor. „Hier, schmpff“, sagte er und hielt ihr das Gefäß entgegen, und Inge goss ein. Sie spürte, dass der Mann ihr unverwandt ins Gesicht starrte, aus den schwarzen Knopfaugen, und sie sah ihn an, und sah die trocken gerötete Altmännerhaut mit den grauen Bartstoppeln, und das schmutzige Tuch, das den Schädel umhüllte, und sie wandte sich ab.

Der Mann grinste, es lag eine gewohnheitsmäßige Tücke in seinem Gesicht, die vielleicht nur Attitüde war, ein Lauern, das Schauspielerei sein mochte, um die Leute zu erschrecken, nicht, um ernsthaft Schaden zu stiften.

Seltsame Vögel schafft Vautrin.

Inge rettete sich wieder hinauf auf den Kutschbock, und der Mann schlürfte mit hörbarem Geräusch aus seinem Wassernapf. Dann blickte er auf und sah die beiden Kinder, die hinter Hermes Trismegistos hervorspähten.

„Schmpff“, sagte er, „ wahrlich, reich muss der Kaufherr sein, der zwei Kinder nähren kann und sein eigen nennt.“

Waldemar kam ein paar Schritte herbei und fragte, mit einem Blick auf die Weidenkiepe: „Du bist auch Händler?“

„Ja, schmpff“, sagte der Mann und riss die Augen auf, dass sie fast normale Größe erreichten, „und ein berühmter Händler bin ich, wohlgelitten in der ganzen Gegend, und ich sag dir was“ – er winkte ausladend mit der dürren Hand und senkte die Stimme – „ich bin viel reicher, als ihr denkt, reich und mächtig, jawohl, schmpff, aber das sag ich nur euch, das braucht sonst keiner zu wissen.“ Und er grinste wieder tückisch.

„Hm“, machte Waldemar, und dann bedachte er sich und krähte: „So siehst du aber nicht aus!“

„Haha!“ platzte Inge heraus.

Der Mann winkte erneut mit dem Arm und flüsterte grimmig: „Das ist nur Verkleidung, schmpff. Gibt viele böse Menschen in der Welt, die könnten mit fortnehmen, was ich habe … fortnehmen, was ich habe, schmpff …“ Und zu den letzten Worten senkte er den Kopf und starrte zu Boden und rieb die Hände ineinander, mit hängenden Schultern.

Es tat Inge leid, dass sie gelacht hatte, und sie fragte vom Kutschbock herunter: „Können wir etwas für dich tun, Bruder – Bruder Gelbmann?“

Wer bringt einen solchen Namen schon über die Lippen?

„Etwas tun, schmpff?“ schnappte der Mann, mit scharfem Blick. „Brauche nichts. Bin reich. Bin mächtig. Würdet euch wundern, schmpff.“

Eluard graute. Die meisten Kinder empfinden Widerwillen gegen Gebrechlichkeit und die siechen Seiten des Alters, aber Eluard, mit all seiner Furcht vor der Vergänglichkeit, fühlte nicht nur Widerwillen, sondern Angst. Wie war der Mann schmutzig, mit seinem Stoppelgesicht, dem verklebten Verband um das Bein, den schadhaften Zähnen. Vor allem aber, wie war seine ganze Art schmutzig, sein Reden, sein Grinsen.

„Bin mächtig, schmpff“, wiederholte der Alte.

Die Frauen blickten ratlos, der Fremde hatte etwas skelettartig Bizarres an sich, keinesfalls würde man mit ihm die Nacht am selben Lagerplatz verbringen wollen …

Die Axtschläge hatten aufgehört, Aslan und Roger kamen zurück, jeder die Arme voll mit Kiefernscheiten. Man hörte sie räumen und arbeiten, als sie das Holz auf den ersten Wagen aufluden, und Inge beugte sich um die Plane herum und rief nach hinten: „Kommt doch mal her, wie haben Besuch …“

„Wie?“ fragte Roger zurück, „ja, warte, einen Augenblick.“

Das Rumoren und Poltern hielt für eine Minute an, dann waren die beiden fertig und kamen herbei.

Sie sahen den Fremden und blieben neben dem Kutschbock stehen.

„Dies“, sagte Magdalena von oben herunter, „ist Bruder Gelbmann, Händler ist er, und rastet hier … und diese, Bruder Gelbmann, sind Aslan und Roger, Aslan ist der Herr dieser Wagen, Roger sein Sohn …“

„Ich sehe“, sagte der Fremde, ohne aufzustehen. „Vautrin sei mit euch.“

„Vautrin sei mit dir“, murmelten die beiden und betrachteten die seltsame Gestalt.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 28.03.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)