Heilige Bücher

Gern bringen die Menschtiere einander bei, wie man die Augen verschließt. Musst dich gar nicht umgucken, versichern sie einander, ist ja schon bekannt, wo die Wahrheit spricht, in den Werken unserer Großen, in unserem erprobten Heiligen Buch!

Das ist alles Lüge und Verführung. Dem Menschtier frommt nur eines zu wissen, dass es nämlich selbst erkennt, wenn sich ihm die Wahrheit offenbart, seine Wahrheit. Und dann muss das Menschtier, das kindliche zumal, ermuntert werden, seiner Erfahrung zu vertrauen. Schadet nicht, das kleine Menschtier auf die Werke „unserer Großen“ hinzuweisen. Aber ob unsere Großen dann zu dem Menschtier auch reden, das ist deren Entscheidung, nicht die Entscheidung der Menschtiere. Das Heilige Buch, einem Menschwesen begegnend, entscheidet selbst, ob es zu diesem Menschwesen redet oder nicht. Das Menschwesen kann wenig mehr tun, als sich offen zu halten, und wenn es das kann, ist das viel. Wahrheit ereignet sich dort und nur dort, wo sie und das Menschwesen einander begegnen. An der Begegnung hängt alles. Mag ja sein, dass in der Heiligen Schrift Wahrheiten eingepökelt sind. Wenn aber das Menschwesen den Deckel lüftet und rührt in der Tonne, und nichts begegnet ihm, soll es dann etwa zusammengekniffenen Arsches weggehen und bei sich denken, das ist nur wegen meiner Unreife? Genau das wollen die Sudelpädager, das Menschenkind, in der Tonne nicht fündig geworden, soll sich schuldig fühlen, und mehr noch, es soll anfangen zu lügen. Es soll Sätze, so es gefunden hat in der Tonne, auswendig repetieren und leuchtende Augen dabei zum Display bringen und lügen, solche Einsicht ist mir geworden, oh über die Größe! Und wenn es das nur oft genug tut, das lügende und belogene Menschenkind, dann glaubt es noch selber, sein Auswendigreden sei Überzeugung und wahre Erkenntnis.

Das Nachplappern auswendig gelernter Sätze ist aber niemals Erkenntnis, und eine Überzeugung, zu der einer sich selber erst überreden muss, ist keine. Wahre Erkenntnis ereignet sich in der Begegnung mit der Wahrheit, und ob die Wahrheit sich einem Menschwesen in den Weg stellen will, entscheidet sie selber. Wohl, das Menschwesen hat oft genug Grund, unglücklich zu sein, weil ihm die Wahrheit – irgendeine Wahrheit – so gar nicht begegnen will. Dass die Wahrheit über die Begegnung entscheidet und nicht das Menschtier, ergibt sich schon daraus, dass das Menschtier, so sich nach der Wahrheit sehnt, schon zufrieden wäre, wenn ihm irgendeine – irgendeine! – über den Weg liefe, irgendeine Wahrheit, egal welche, nur überwältigend und endgültig sollte sie sein, denn das ist was das Menschtier zu wissen begehrt mit allen seinen Fasern, diese eine, finale Wahrheit, die sagt, Wahrheit ist. Welche, ist dann egal, es kommt nur an auf die Gewissheit, es ist Wahrheit in der Welt, wirkliche, unhintergehbare Wahrheit, Wahrheit gibt es wirklich, und nicht nur Irrtum. Nach dieser Gewissheit sehnt sich das Menschtier wie nach nichts sonst. Wenn ihm diese Gewissheit wird, hüpft es selig von dannen. Wahrheit! Die einfach Wahrheit ist, weil sie Wahrheit ist, und sich gar nicht darum schert, ob irgendein Menschtier sie anerkennt oder nicht! Wahrheit, die Wahrheit ist und bleibt, ganz unabhängig von den Meinungen der Menschtiere! Wenn aber eine solche Gewissheit dem Menschtier so gar nicht in den Weg sich stellen will, dann sollte dies Menschtier nicht auf den Ausweg verfallen, sich irgendeinem Geglaub oder irgendeiner Weltanschaulerei zuzuwenden und schnell catechismum zu memorieren, um dann zu rufen, endlich ist mir Wahrheit geworden, jetzt bin ich erleuchtet! Ein Menschtier, das so schreit, ist nicht nur betrogen, sondern Betrüger, denn es verführt andere zu gleichem Handeln, und die Schraube eiert im Holz und dreht sich und dreht sich, und da ist kein Ende, und wenn ein Gewicht gehängt wird an den Haken, purzelt alles hinunter in den Dreck, denn das Gewinde hatte keinen Halt.

Ein Menschtier, das traurig ist, weil ihm so gar keine Wahrheit begegnen will, das sollte ermuntert werden, eben die Augen offen zu halten und mal dahin zu gehen und mal dorthin, denn auch, wenn die Wahrheit sich so gar nicht zeigen will, ist die Welt dennoch bunt und unendlich, und es ist der Wunder kein Ende darin, oft ist einem Menschwesen ja schon geholfen in seiner Traurigkeit, wenn es schlanke Schuhe sich anzieht und draußen durch die Felder rennt, bis ihm die Seiten stechen und es keine Luft mehr bekommt, denn wenn nur erst der Atem in der Kehle keucht, ist alle Angst um die Sinnlosigkeit der Welt vergessen.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 19.03.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)