Tanz

Und die Tage gingen dahin, die leichten Tage …

Es regnete lange aus gleichmäßigem Wolkengrau; licht wurde es dann wieder, mit seidener Wärme, die herzog unter weißen Streifenwolken. Das war nicht mehr die Kraft des Sommers; Müdigkeit war gemischt unter das Blau der Horizonte, Müdigkeit und trunkene Fülle auf den Dämmerfeldern der Abende.

Zählte einer die Tage?

Aslan tat es, vielleicht. Er beobachtete den Himmel, sah die Vorzeichen; er dachte an den Herbst, ersten Blätterfall, und den Winter, und berechnete die Zeit, die noch bliebe. Wen der Schnee überfiele, auf freier Strecke, der hätte zu kämpfen um sein Leben; doch gibt es ebensogut Winter, die sind nur wie ein einziger langer Herbst oder Vorfrühling, kühl und blass und durchsetzt von hellen Regentagen, und kaum schmerzt der Frost.

So muss man fürchten den Winter; und kann doch immer hoffen, dass es so schlimm nicht kommen werde.

Was ist eine Furcht, durchsetzt von Hoffnung und Vielleicht?

Das Leben, würde Grand Mère antworten, das Leben, wie es Vautrin gegeben hat, und das mag ja wahr sein, aber ist das Leben damit nicht auch ein bisschen – ein Spiel? Und leichthin? Man trifft Vorsorge, mit dem Gedanken, dass sie vielleicht überflüssig sei, man fürchtet sich, mit der halben Erwartung, dass der Tag der Furcht als Tag der Freude sich herausstellen werde, man ist ernst und bedachtsam, und weiß doch, dass die genaue Arbeit sich richtet auf den ungenauen und flüchtigen Tanz der Tage.

Manch einer baut sein Leben planvoll auf und ordentlich, wie Reinhard, und er gewinnt dabei – und doch kann Vautrin alles zunichtemachen, in einem Handumdrehn und einer einzigen Stunde. Und andere sind, die leben von der Hand in den Mund, planlos, und doch leben sie auch, wie Warlam, haltlos und ungegründet, doch sie leben, und will es Vautrin, so machen sie sogar ihr Glück.

Und wohin gehörte Aslan?

Er stand wohl irgendwo dazwischen, und verschiedene Gedanken ja machen sich die Häusler über den Kaufmann. Für den einen ist er nichts anderes als einer, der zieht, ein Nomade eben und wurzellos, mit leichtem Herzen und ohne Vorausschau, und nie sind die Verachtung ohne Neid, der Neid ohne Verachtung; für den anderen ist er der Träger der Geschichten zuerst, der, der Kunde trägt von fernen Orten und Kunde verbreitet, einer, der den verstreut lebenden Menschen das Wissen gibt, dass sie doch Eines sind und eine Sprache sprechen und das gleiche Herz schlägt in ihnen allen. Denkt einer so, nimmt er den Kaufherrn auf in Freuden, denkt er anders, handelt er nur, und wünscht ihn wieder fort, so bald als möglich.

Unentbehrlich aber ist der Kaufmann beiden, denn wer wollte auf die Waren verzichten, die er bringt? Und wer gar, der Waren schafft, kann auf den verzichten, der sie verbreitet? Der leichte Sinn, die Unstetheit, das ist die andere Seite der Beweglichkeit und Unternehmungslust, und des bedürfen die Siedelnden wohl, und im Geheimen wissen sie das, wohl meistens im Geheimen, denn wer gibt Neid schon gern zu, und gar Bedürftigkeit?

In Wahrheit war Aslan ein ernster Mann, ein Könner seines Faches, und seine Planungen waren solide wie die Reinhards, doch kunstreicher, denn viel mehr musste er in Rechnung stellen als nur die Möglichkeiten der Wolken und Winde, der Arbeitskraft, und der Wuchszeit von Sämlingen. Aslan kannte die Wege und Länder, er wusste, wo die Menschen leben und was sie brauchen; er wusste zu kaufen in Gebieten, wo ein Produkt hergestellt wurde, und verkaufte es dort, wo es gebraucht wurde; er wusste, wieviel von einem Stoff, von irdenem Geschirr nach besonderer Formung, von Nadeln und Messern, von Honig und Öl, von Lampen und Wolle, von kostbarem Messing und weniger kostbarem Holzgerät er verkaufen konnte von Frühling bis zum Herbst, so dass seine Wagen genau geladen waren und keinen unnützen Ballast er mit sich schleppte die weiten Wege. Er wusste auch, wonach der Sinn der Menschen stand, der wandelreiche, wählte die Muster und Farben, und hielt die Augen offen, nichts zu versäumen der lächelnden Nutzlosigkeiten.

Dies alles wusste er. In seinem Geist waren die Wege, die er abgeschritten hatte mit eigenen Füßen, er sah die Grenzenlosigkeit der Wälder, die wilden Forste von Buchen und Eichen, sah die Höhen der Fichten und schweigenden Tannen, sah die blasse Bläue nördlicher Himmel, fernwärts weisend, sah das Meer und die schäumenden Klippen, die Ebenen von Gras und das Vorrücken des Waldes, und er sah den Süden, das leuchtende Licht, azurne Wärme, und die Glut der Zypressen.

Dies alles sah er, und wusste es, und rechnete damit, und seine Familie folgte ihm und vertraute seinem Wort.

Dachte er manchmal nach über sie, über Grand Mère, über Magdalena, seine Frau, und Inge, seine Tochter? Und über Roger, der die Wagen führen würde, wenn ihm etwas zustieße? Und über Waldemar, den kleinen Jungen?

Nachdenken … ein schweres Wort. All die geheimen Verschlingungen und Beziehungen, die statthaben zwischen Menschen, die sich kennen, die halben Worte, die Blicke, stumme Zustimmung oder stummer Vorwurf, all die Vermeidungen von Sätzen, die nicht gesagt werden sollen, und das zärtliche Aussprechen von Worten, die gern gehört werden, all die festen Verrichtungen, die jeder von jedem weiß, der feste Platz, an den jeder gehört, das feste und kunstvolle Geflecht – wer denkt schon darüber nach? Selbst der Wandel geschieht so langsam, dass er kaum bemerkt wird, wechselte etwa Inge ihren Ort, rückte sie etwas näher hin zu ihrem Mann oder etwas weiter von ihm fort, so mussten alle anderen ein wenig ihren Platz verändern, doch behutsam und geräuschlos, dass dem Geflecht kein Schaden entstehe, und schwerlich taten sie es bewusst, es war ein langsames Spielen und Wechseln, immer im selben Kreis, mit denselben Personen, dass es eher einem ruhigen Tanz glich, einer schreitenden Zeremonie, bei der jeder gelernt hatte, sich so zu bewegen, dass er niemanden heftig berührte oder gar trat.

Übrigens Inge … keiner in dem ganzen Kreis, von dem der Kaufherr weniger wusste, und doch war sie seine Tochter, erinnerte er sich noch, wie der das kleine Mädchen auf den Knien gehalten hatte, über den hängenden Zügeln … Kaum, dass er heute noch ein Wort wechselte mit ihr, wie kam das? Sie war ihm entglitten, irgendwie, und doch war es so langsam geschehen, dass man nicht hätte sagen können, wann es etwa angefangen hätte. Und Roger? Vertrug sie sich gut mit Roger, ihrem Manne? Sie begehrte seiner Kraft, und lag des Nachts gern bei ihm, und doch stritt und zankte sie oft mit ihm, spitz waren ihre Worte, er schien es mit Gleichmut zu tragen und erwiderte nicht, doch ob das richtig war? Aslan wusste es nicht, zweifelhaft, ob er darüber nachdachte, auf jeden Fall äußerte er sich nicht.

Aslan stand immer ein wenig abseits, sie respektierten ihn alle, und sie vertrauten ihm, und doch war da eine unsichtbare Wand, die ihn abtrennte, er lebte wohl zu sehr für sich, seine Gedanken waren in den fernen Wäldern, auf endlosen Wegen …

Kompliziert sind die Verhältnisse der Menschen, und schwer zu durchschauen … Das Spiel, der ruhige Tanz drehte sich, und die Tänzer selbst wurden des Drehens kaum gewahr, so langsam waren die Bewegungen, die Gesten.

Dennoch kann der Tanz eines Tages gestört werden, dass er sich aufs Neue ordnen muss, zu einem neuen Muster fügen; das geschieht, wenn ein neuer Tänzer eintritt in den Kreis, und zögernd dasteht, und sich nicht zu rühren weiß, denn unbekannt sind ihm die verschlungenen Wege.

So war es mit Eluard.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 18.03.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)