Anders

Wollte man im Sinne der Selbstbemacher sprechen, so war es vielleicht dieses beharrliche Redenwollen des Jungen, Redenwollen in einer Welt der Grunzer und Rülpser, das die dreschende Wut weckte. Der Junge war mit den Worten geboren, und mit der Rede, und menschliche Begegnung hieß für ihn zuallererst: menschliche Rede. Noch wenn sie auf ihn einbrüllten – taten sie meistens – hörte er auf das Was ihrer Sage, und nicht auf das Wie. Er versuchte, in nimmermüder Mühe, den Sinn zu verstehen in ihrer Brülle. Sie brüllten Worte. Nun ja, und Worte transportierten Sinn, und um diesen Sinn ging es doch —

Oder?

Es kam dem Jungen nicht bei, es kam ihm einfach nicht bei, dass für die Dreschfassaden die Worte keine Sinnträger waren, sondern Brüllknüppel. Dass da kein Sinn war, über den man fein und einverständlich hätte reden können – von Dahinter zu Dahinter – sondern dass die Worte verletzen beschädigen beleidigen sollten. So wurden sie gebraucht und benutzt von dem Brüllvieh, einen anderen Sinn hatten sie nicht, deshalb auch bewährte sich Artikulation nur im Gebrüll. Der Junge fand die Laute so listig und vielgliedrig wie die Buchstaben, und wie es galt, die Buchstaben zierlich zusammenzusetzen zu krabbelfüßigem Gebrauch, so galt es, die Laute in melodische Folge zu bringen, sinntragend.

Die Wut, die der Junge damit erregte, ist nicht zu beschreiben, und wäre unter zivilisierten Menschen auch nicht zu verstehen. Aber das Menschtier ist nicht zivilisiert. Ja, er war „anders“, der Junge. Er war „besonders“. Man könnte sich Welten denken, da sind Eltern stolz und glücklich, wenn ihr Kind „anders“ und „besonders“ ist. Das Kind wird geboren, zunächst fällt noch nichts auf. Ist gesund, entwickelt sich, ist ein bisschen klein für sein Alter, immer gut füttern. Irgendwann merken sie: der ist irgendwie anders, der Kleine. Der ist was Besonderes. Machen sich Sorgen, die Eltern. Arzt. Nein, alles in Ordnung mit dem Kind. Begabt. Hat so eine Art … als wolle er in die Menschen hineingucken. Richtig innen hinein. Ja, solche Kinder gibt es. Gut behüten. Sensibel. Drum kümmern. Drauf achten, dass er genug mit anderen Kindern spielt. Warmhalten. Gut füttern.

So in der Art, irgendwie. Soll es geben, solche Welten.

Aber selbst wenn es sie gibt, das war nicht die Welt des Jungen. Nicht seine Welt. Nicht die Welt, in die er hineingeboren ward. In seiner Welt wurde geschrien und geprügelt und getreten. Die Teigfassaden waren gerade sensibel genug, um es zu merken, wenn ein Kind „anders“ war. Sensibel genug, um es gnadenlos zu verfolgen und zu behassen und zu beprügeln. Weil es anders war. Das war ihr Ding: alles gnadenlos verfolgen und behassen und beprügeln, was anders ist. Wir sind gemeinsam. Wenn einer nicht gemeinsam ist, hat er die Folgen sich selber zuzuschreiben.

Was?! Was?!?! Was?!?!?! Frechheit! Unverschämte Unterstellung! Davon haben wir nichts gewusst! Wer weiß, ob das überhaupt alles so stimmt! Alles Lüge!

Wie gesagt, wir haben hier – versuchsweise mal – im Sinne der Selbstbemacher geredet. Im Sinne der Selbstbemacher wäre das Kind selbst der Verursacher seiner Verfolgung gewesen. War halt anders, das Kind. Pech. Letztlich Schuld. Kann man von den anderen – den Richtigen – nicht erwarten, dass die auf sowas tolerant reagieren

na ja, ein bisschen Toleranz darf man schon erwarten

aber die hatten damals auch ihre Sorgen das muss man sehen ganz so einfach ist das alles nicht so einfach darf man es sich nun auch wieder nicht machen wo kämen wir da hin

ja, wo kämen wir da hin.

In der Sicht der Selbstbemacher wäre der Junge also einer gewesen, der Toleranz benötigt hätte. Als Gegenleistung bitte selbst ein bisschen tolerant sein sollte, gegenüber den lieben Eltern zum Beispiel.

Die dreiste Frechheit hinter diesem Ansinnen bedürfte selbst dann keiner Diskussion, wenn die Dinge sich rückstandlos so verhalten hätten wie geschildert, ganz im Sinne der Selbstbemacher.

War aber nicht so.

Wär doch so schön! Wär doch so schön gewesen! Da wär einfach dieses Kind gewesen, dieses Kind wär deutlich „anders“ gewesen, dies Anderssein hätte Wut ausgelöst. Fertig! So einfach wie eins und eins.

An dem Anderssein des Kindes wäre dann dringend zu arbeiten gewesen, und für die Wut müsste man Verständnis aufbringen. Waren ja so belastet, die Menschen, in diesen schweren Zeiten, da kann einem schon mal die Hand ausrutschen …

Und die Folgen – Folgen für den Jungen, versteht sich, die Hasser blieben unbehelligt – die Folgen für den Jungen also wären dann zu bearbeiten. Mittels Selbstbemachung. Selbstbemachung würde zuverlässig Erkenntnis schaffen – das hab ich ja unbewusst alles selber gemacht! – und aus der Erkenntnis würde Heilung erwachsen, und aus der Heilung Heil.

Dass der Junge im Kern niemals wirklich auf diesen frechen Müll hereinfiel, hatte damit zu tun, dass dem Dahinter ein Vorher entsprach.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 09.03.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)