Zwischen den Wäldern

Die Wälder standen einander gegenüber wie zwei Heere.

Da war der Wald aus Essigbäumen, die grüne Wildnis, traumschwer, und dort standen die Buchen und Eichen, still im Regen; dazwischen lag eine breite Wiese, trennte die Heere.

Ganz dunkel war es geworden, und es regnete fort, sacht und gleichmäßig.

„Eine merkwürdige Gegend ist das“, sagte Inge und schaute hinüber zu den Essigbäumen.

„Der Wald“, antwortete Magdalena, „er hütet die Stadt …“

Sie lagerten an der Wiese, zu Füßen einer riesigen Sequoia, die stand als ein vorgeschobener Posten, hinter dem sich wartend die Buchen drängten und die Eichen, raschelnd im Regen. Von drüben, von der anderen Seite des Wiesenstreifens her, leuchteten matt die Essigbäume. Ein säuerlicher Duft zog herüber, mischte sich dem Rauch des Herdfeuers.

Die Wagen standen dicht unter die überhängenden Äste des Waldrandes gezogen, fast verborgen, und die Ochsen schlurften schläfrig auf der Wiese herum, rupften das nasse Gras und die Kräuter. Man sah sie kaum, die schwarzen Tiere in der Schwärze der Regennacht, hörte sie nur schnauben und pusten und grasen.

Der Himmel war zugezogen, man sah nicht einen Stern, nicht den Mond.

„Das dauert jetzt …“ sagte Roger mit einer unbestimmten Kopfbewegung zum Regen hin.

Unter der Sequoia war es leidlich trocken, weit streckte sie ihre Nadelarme aus. Das Herdfeuer flackerte, der Glast beleuchtete den rötlichen, borkigen Stamm und zu seinen Füßen die Kaufleute.

„Ein schöner Baum …“ sagte Magdalena.

„Ja“, nickte Aslan. „Es nimmt mich wunder, ihm so weit nördlich zu begegnen … doch ist dies ein geschützter Ort, da mag er gedeihen. Er liebt die Wärme, in Italien hab ich seinesgleichen oft gesehen.“

Grand Mère blickte nachdenklich am Stamm empor, der stieg wenigstens fünfundzwanzig Ellen bis zum Astansatz, oh, das war ein gewaltiger Baum, man spürte sein Wesen, wenn man unter ihm saß, und er wuchs noch …

Sie rührte im Herdfeuer, dass die Funken stoben, gleich verglommen sie in der feuchten Luft, dann sagte sie:

„Es ist doch schön, dass wir wieder unter uns sind …“

Sie schloss Eluard ein, und er merkte es wohl und war dankbar dafür.

Inge seufzte, reckte sich und sagte bestätigend: „Wirklich, das waren lange Tage, viele Menschen haben wir gesehen – “

„Und Geschichten gehört“, fiel Roger ein.

„Reden wir von dem Maître“, schlug Magdalena vor.

„Oh ja, vom Maître.“

Einen Augenblick herrschte Schweigen, sie fühlten die Dunkelheit der Nacht und ihre Rätsel, dann nahm Magdalena wieder das Wort.

„Was hat er zum Lotsen gesagt?“ fragte sie und wandte sich an Waldemar. „Ihr habt dabeigesessen, ihr Kleinen … was war zwischen dem Maître und dem Lotsen?“

Waldemar schaute ratlos drein. „Ich weiß auch nicht … ich habe nicht verstanden, was sie sprachen … der Maître fragte nach einem anderen Mann, mit grauen Haaren, ob er durch die Stadt gekommen sei … das stimmt doch, oder?“

Eluard nickte bestätigend, und da er sah, dass aller Augen sich auf ihn richteten, nahm er den Faden auf: „Und der Lotse hat gesagt, ja, der sei durchgekommen … aber er hat es nicht gern gesagt …“

„… und über den Hund haben sie noch gesprochen, und der Maître hat gesagt, dass er sich vor ihm nicht fürchtet …“

„… und dann hat der Maître gefragt, wo der Mann, der mit den grauen Haaren, hingegangen sei, und der Lotse hats ihm erklärt, er sei zu den Dörfern gegangen, die da hinten im Wald liegen …“

„… und dann haben sie auch noch von Vautrin geredet, ja, und von den Geschichten, aber das hab ich nicht verstanden …“

Magdalena seufzte. „Dunkel sind die Absichten des Maître, ein verschwiegener Mann ist er, verschwiegener, als not täte.“

Grand Mère nickte. „Er fürchtet sich vor den Menschen … vor den Frauen besonders.“

„Was?“ rief Roger protestierend. „Er fürchtet sich vor den Menschen? Den Eindruck hat er nicht gemacht …“

„Wenn ichs dir sage“, beharrte Grand Mère. „Oh, es ist nicht so, wie ihr denkt, dass er zaghaft wär und nachgiebig, das mein ich nicht … wie soll ich sagen … er fürchtet sich, verkehrte Dinge zu sagen, er meint es gut und hat Angst, dass die Menschen das nicht verstünden …“

„Das stimmt“, sagte Magdalena, „ja, du hast recht, er möchte, dass alle ihn gern haben, aber er weiß nicht, wie ers anstellen soll, so ist er manchmal freundlicher, als not täte, manchmal drohender …“

„Ein empfindlicher Mann“, sagte Roger, „das mag wohl sein. Das wird vom vielen Wissen kommen, vom Studieren, vom Bücherlesen, oder?“

„Er denkt zuviel“, sagte Inge.

„Das ist es“, rief Grand Mère und streckte die Arme aus. „Er denkt zuviel, und meint die anderen täten das auch, dabei tun sie es gar nicht …“

„Ach wirklich“, murmelte Aslan zwischen den Zähnen.

„Eine Frau, das ist es, was ihm fehlt“, fuhr Grand Mère fort, „eine Frau bräucht er …“

„Da hast du recht“, nickte Inge.

„Ganz genau“, sagte Magdalena.

Roger und Aslan feixten.

„Nun und?“ fragte Aslan. „Warum redest du nicht weiter … eine Frau … wie wärs denn mit dir?“

„Ha!“ rief Roger. „Natürlich! Die Richtige wärst du für ihn!“

„Oh! Oh!“ pustete Grand Mère.

Inge stieß sie in die Seite. „Gib zu, du hast schon daran gedacht!“

„Träumst du von ihm?“ fragte Magdalena. „Sags uns schon, wir wollens wissen!“

„Lasst mich in Ruhe!“ rief Grand Mère und schob mit den Händen in der Luft herum, „also wirklich, wie könnt ihr euch über mich alte Frau nur so lustig machen!“

„Aber wieso denn alt?“ sagte Aslan. „Denk nur an den Großvater in Reinhards Dorf, du hast ihm gefallen, gibs zu!“

„Oh!“ ächzte Grand Mère und zog sich einen Zipfel ihres Gewands über das Gesicht, „ich will nichts mehr hören, nichts mehr hören will ich …“

Dabei hatte sie ein rotes Gesicht und lachte, dass ihr die Tränen kamen.

„Aber im Ernst“, sagte sie, als die sich wieder gefasst hatte, „ein junges Mädchen wär es, was er braucht, lebendig sind die Wünsche seiner Mannheit, und richten sich auf junge Glieder, auch hätt er gerne Kinder, des bin ich gewiss …“

„Das ist wahr“, sagte Magdalena, „und ein Maître sollte Kinder haben, wenn Vautrin es denn will …“

„Wenn Vautrin es denn will“, wiederholte Inge und seufzte.

„Nun warte“, sagte Magdalena tröstend und mit einem Blick auf Roger, „es wird schon einmal werden bei euch beiden, Freude habt ihr doch aneinander und geht miteinander um wohl jede zweite Nacht und öfter noch, so liegts an Vautrin, ob die Frucht er gedeihen lässt, und nicht an euch.“

„So ist es“, fiel Aslan ein, „nicht soll man jammern über das, was nicht in Menschenmacht steht, sondern guter Dinge sein und hinnehmen mit Fröhlichkeit, was kommt.“

„Das ist wohl wahr“, sagte Roger, und Inge blickte etwas getröstet.

„Der Maître aber“, nahm Grand Mère den Faden wieder auf, „zu wünschen wäre ihm ein junges Weib, das Verlangen trägt nach der Kraft seiner Lenden, denn solch ein junges Weib, das ist es, was ihm fehlt.“

„Du meinst?“ fragte Magdalena gedankenvoll. „Ein Mädchen wie – wie Gudrun, vielleicht?“

Waldemar fühlte einen Stich, als der den Namen nennen hörte, er verstand das nicht, seltsam waren die Dinge des Lebens.

„Ganz recht“, sagte Grand Mère, „ein Mädchen wie Gudrun.“

„Das kann ich nicht glauben“, sagte Roger. „Der Maître und ein Mädchen wie Gudrun … das soll er sich wünschen? Viel zu ernst schien er mir für ein solches Kind.“

Die drei Frauen lächelten.

„Davon versteht ihr Männer nichts“, sagte Grand Mère. „Es fehlt euch der Sinn dafür, glaubt mir, ich habe recht, genau das ist es, wonach sein Sinn steht … ein Mädchen, eine junge Frau, die ihre Lust ihm schenkt, dass er das Leben erfahre … doch ists möglich, dass er sich schämt gerade deswegen, und würd ers nicht wagen, ein Mädchen zu bitten …“

„Du solltest ihn beraten“, meinte Aslan amüsiert und drohte mit dem Finger. „Zwei Tage kennst du ihn, schon suchst du ihm die rechte Frau aus.“

Aber Grand Mère blieb dabei, und die jüngeren Frauen unterstützten sie. Und was sollte er sonst wollen? Etwa … ein Geschöpf wie Miriam?

Nein, nein, natürlich, das nicht … furchtbar ists, wenn ein Frau ihr Geschlecht verliert, Kälte umweht sie, ihre Kraft ist dahin, Unglück ist über ihr.

Eluard hörte aufmerksam zu, Unglück war über Miriam, ja, das stimmte, das wusste er, aber war Unglück denn immer schlimm? Es machte die Menschen auch gut, still und gut, er dachte an Miriam, wie blass sie war, und an ihre Tränen …

Und da waren die Kaufleute, leichte Menschen waren sie, voll Leben, und Freude … sie meisterten die Dinge, und wenn sie sie nicht meistern konnten, so unterwarfen sie sich eben, so einfach war das.

War es so einfach?

Und Eluard saß stumm und hörte, was sie redeten, und er beschloss abzuwarten, was die Tage bringen möchten.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 08.03.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)