Dahinter

Wie auch immer. Aus der Einsicht, dass alles vorherbestimmt ist, was dir begegnet, ergeben sich eigentlich zwei Fragen. Notwendigerweise. Denn erstens sagst du dir, wenn das so ist, dann kann ich ja eigentlich machen was ich will, dann hab ich ja keinerlei Verpflichtungen, und zweitens fragst du dich, wie soll das funktionieren?

Auf beide Fragen wusste der Junge die Antwort schon, und beide Antworten waren alles andere als angenehm, sie entsprachen keiner offiziellen Regelung, wie sie zu seiner Zeit üblich war, und wenn er laut darüber geredet hätte – tat er nicht – hätte niemand etwas davon wissen wollen.

Der Reihe nach. Beginnen wir mit dem Frühesten.

Wie das funktioniert, wie es möglich ist, dass dir immer das gleiche Schicksal begegnet, immer Zurückweisung Misserfolg Hass, oder eben immer Gelingen Glück Liebe – das wusste der Junge schon, bevor ihm die Einsicht kam, dies jeweilige Schicksal könne unabänderlich mitgeboren sein.

Es verhielt sich mit diesem Wissen etwa wie mit dem Laufen Lernen und Laufen Können: ein kleines Kind lernt laufen und kann es, lange bevor es weiß, wohin es laufen will, und erst recht bevor es irgendeine Ahnung hat, wohin überall es laufen könnte.

Laufen … fortlaufen … ins Dahinter …

Das Dahinter war eine Kategorie, die war dem Jungen wohl so mitgeboren wie sein Schicksal. Drückte sich aus machte sich fühlbar fühlsam in einer quälenden Sehnsucht in einer lodernden Sehnsucht, die allem Handeln Motor und Antrieb war. Immer schon. Ging allem Tun voraus.

Dahinter!

Nicht nur: ich will hinter die Dinge, sondern: Ich will ins Dahinter.

Wo er ging und stand, im Wachen und im Schlafen, fühlte er es, das ungeheure Geheimnis: da ist ein Dahinter, das gewaltige Dahinter aller Dinge. Dorthin will ich dorthin muss ich. Gibt keinen anderen Ort, den es wert ist zu suchen. Gibt keinen anderen Ort, dahin zu wollen, als allein das Dahinter.

Dass ein Dahinter sei aller Welt und aller Zeit, war dem Jungen so gewiss, wie der aufbrechende Reisende weiß: da, hinter den blauen Bergen, ist etwas.

Oh ja, da ist etwas. Dies Dahinter, dies Hinter den Blauen Bergen, ist ja Grund und Antrieb deines Aufbruchs. Das Dahinter ist sein eigener Aufruf. Sein offenbares Dasein genügt, dass es dich nicht hält am alten Platz. Du kannst das einfach nicht mehr: dein Feld bestellen, morgens zu den Kühen im Stall, melken und striegeln, mittags Holz hacken, und immer über die Schulter dieser Blick über die Dächer über die Wipfel, Blick hinüber zu den blauen Bergen, und wissen, da ist etwas, da ist ein Dahinter, du kannst das nicht mehr, du hältst das nicht mehr aus, es hält dich nicht mehr hier, du musst fort, musst fort und selber sehen, Glück zu auf die Reise.

Die zurückbleiben, die du zurücklässt, sie werden dir nicht wohlgesonnen sein. Sagst besser nichts, vorher. Sie würden doch nur versuchen, es dir auszureden. Sagst besser nichts, rüstest dich heimlich für die Reise, brauchst ja nicht viel, was eben du tragen kannst, nötigste Kleidung, Vorrat für den ersten Tag, zwei Decken für die Nacht, Axt und Messer, und was du am Leibe trägst. Damit gehst du los, vor Tag, und niemandem hast du etwas gesagt. Lass einen Zettel zurück auf dem Tisch. Lebt wohl, wir sehn uns niemals wieder.

Dem Jungen wurde die Sache nicht so einfach wie diesem Reisenden. Zwar brach auch er auf eines Tages, brach auf, ohne sich umzusehen, aber erst am Ende aller Tage. Oder am Anfang aller Tage, wie man will. Das Wissen vom Dahinter aller Dinge war in ihm, seit er denken konnte, war in ihm, noch bevor er denken konnte. Nützte ihm nur nichts. War Sehnsucht und Wissen ohne genaues Ziel. Einfach loshoppeln hatte da keinen Sinn, das Dahinter war überall und nirgends.

Es war hinter allen Gesichtern. Der Junge starrte hinein in die Gesichter. Da ist es, hinter diesem Gesicht! Da ist das Dahinter!

Er war umgeben von Fassaden, und die Gesichter waren Fassaden zuallererst. Die Möbel und die tickenden Uhren, die Pflastersteine auf der Straße, hütend das Moos zwischen ihren Fugen: sie waren noch am ehesten sie selbst. Gesichter waren niemals sie selbst. Gesichter waren teigig arbeitende Fassaden, bergend ein Dahinter, versteckend ein Dahinter. Der Junge wusste es. Er suchte das Dahinter, wusste: dorthin musst du. Das musst du erreichen: das Dahinter der Gesichter.

Wenn er in Gesichter hineinredete, hineinredete in die Teigfassaden, sprach er das Dahinter direkt an. Er ging nicht den Umweg über die Gesichter die Fassaden. Er sprach direkt mit dem Dahinter, das hinter den Fassaden war, hintern den Fassaden einfach sein musste. Musste. Musste. Musste.

Im günstigsten gutmütigen Falle war die Antwort hilfloses Gelache. Was will das Kind? Die Teigfassaden fühlten es: der redet nicht mit uns. Der redet mit irgendwas hinter uns.

Sie merkten das.

Wäre der Junge hineingeboren worden in eine Zivilisation, hätte er eine Mutter gehabt. Irgendein Wesen, das ihn geliebt hätte, brennend geliebt. Das Wesen hätte ihn in die Arme genommen, geküsst, ihm die Haare zerstrubbelt. Hätte gesagt: Sieh mich an, hier bin ich, guck mich an, rede mit mir.

Er war geboren hinein in eine Viehwelt, befüttert mit rasendem Hass, und die Antwort auf sein Anreden des Dahinter war die übliche: dreschend klatschendes Hineinprügeln ins Gesicht, sie kannten es nicht anders, sie hätte es nicht anders haben wollen.

Er lernte nichts daraus, der Junge. Er wusste: da war ein Dahinter der Dinge, ein Dahinter aller Dinge, also auch ein Dahinter hinter den Gesichtsfassaden, und er redete es an, das Dahinter, redete es direkt an. Es muss doch eine Verständigung geben! Ich muss es nur erreichen, das Dahinter hinter diesem Gesicht, und mich ins Benehmen setzen mit diesem Dahinter, dann ist alles gut. Die Fassade hier vorne, mit ihrem Geschrei und Gespucke, die ist gar nichts. Die gilt überhaupt nicht. Was gilt, ist allein das Dahinter der Fassade, und es ist da, dieses Dahinter, ich weiß das einfach. Muss mit ihm sprechen, mit dem Dahinter, muss es direkt ansprechen, muss es erreichen, dann wird mir Antwort.

Reden wir nicht so lange drumrum. Was es erwartete, das Kind, das war: da müsse irgendwo ein Mensch stecken hinter der Gesichtsscheibe, und egal, in welchem Schreischnauz sie sich verzerrte, die Teigfassade, dahinter verbarg sich ein Mensch, ein menschliches Wesen, und dieses menschliche Wesen im Dahinter gelte es zu erreichen.

Er war erfüllt von einer fast lachhaften Zuversicht Gewissheit, der Junge: da ist ein Mensch hinter der Schreigeburt, den kannst du ansprechen, direkt und unmittelbar, dann reden wir miteinander, vernünftig, von Mensch zu Mensch.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 07.03.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)