Geschenke

Gleichmäßig trommelte der Regen auf die Plane, sanftes Geräusch, beruhigend, Waldemar und Eluard saßen im Trockenen, über dem Knarren der Räder.

Draußen dämmerte es, grau war der Tag geworden, floss hinüber in die Nacht, verloren in Gedanken. Die Bäume standen entfärbt, blasse Schatten in den Regenfahnen, ein kleines Tier huschte gelegentlich über den Weg, flink und wesenlos. Die Vögel schwiegen.

Aslan und Magdalena saßen auf dem Kutschbock, die Köpfe zusammengesteckt, die Decke darüber gezogen, und schläfrig trotteten die Ochsen, der Regen rollte über das schwarze Fell, tropfte vom Bauch, von der Nase, von der Schwanzquaste.

Ein helles Grau schwamm unter dem Himmel, der Tag starb, die Regenwolken flossen ineinander, verdichteten sich, bis sie durchsichtig wurden, gleichförmiger Schleier, ausgespanntes Tuch über weichem Tropfenfall.

Dunst stieg hoch zwischen den wispernden Bäumen, aus der Regenerde, gleich würde es Nacht sein, gleich.

Dunkel war es unter der Plane, dunkel und gut. Waldemar horchte auf den Regen, auf die mahlenden Räder, die knirschten gedämpft im feuchten Boden, und dann sagte er: „Bist du zufrieden, bei uns zu sein?“

Eluards Gesicht war nur zu ahnen, in der Dunkelheit, blasses Oval, und er schwieg eine Weile bevor er antwortete: „Oh ja … ich bin schon viel gereist …“

„Auch mit Kaufleuten?“ fragte Waldemar.

„Oh ja“, wiederholte Eluard. „Aber ihre Wagen waren nicht so groß … Miriam hat gesagt, dass ihr reich wärt.“

„Nicht so sehr“, entgegnete Waldemar, indem er wiederholte, was Aslan sagte in solchem Fall.

Sie saßen an Waldemars Lieblingsplatz, auf dem Baumwollbündel, und das Melassefass duftete schwer und würzig.

Waldemar gab sich einen Ruck und sagte: „Ich bin froh, dass du da bist … wir können zusammen spielen, ich hab sonst niemanden, mit dem ich spielen kann.“

„Wirklich?“ fragte Eluard. „Das ist gut. Und ich kann dir Geschichten erzählen, weißt du, ich habe viele gehört, von Großvater Rombard, und ich hab mir alle gemerkt … die werd ich erzählen …“

„Ich kenn auch Geschichten“, sagte Waldemar, „und Grand Mère weiß so viele … das wird schön, bestimmt.“

Sie schwiegen, der Wagen schütterte, es war draußen noch dunkler geworden.

„Weißt du …“ fing Eluard wieder an.

„Was?“ fragte Waldemar.

„Wenn ich groß bin“, sagte Eluard leise, „dann werd ich mir ein Pferd nehmen, ein Pferd, wie es der Maître Abelard hat … so ein Pferd will ich dann haben, und ich werde fortreiten und werde alle besuchen, bei denen ich war … und ich werde einen Wagen bei mir haben, und der ist vollgeladen mit Geschenken … und allen schenke ich etwas und bringe ihnen etwas mit … und alle werden sich freuen, dass ich wiederkomme …“

„Das musst du machen“, sagte Waldemar und riss die Augen auf im Dunkel. „Das ist wirklich gut.“

Es war nichts gut, gar nichts war gut. Vautrin fügt die Dinge zusammen und trennt sie wieder, oft weinen die Menschen, das ist die Zeit, das kleine Stückchen von der Zeit, das in allen Dingen ist, und niemand kanns aufhalten, und nichts, was verloren ist, kommt wieder.

„Der Maître Abelard …“ sagte Waldemar. „Möchtest du auch ein Maître werden, wenn du groß bist?“

„Ich weiß nicht“, sagte Eluard.

„Dein Vater war einer …“

„Ja, aber ich hab ihn ja gar nicht gekannt. Man muss viel lernen, und die Bücher lesen.“

„Aber es ist gut, viel zu wissen“, erklärte Waldemar. Er bedachte sich und fügte hinzu: „Aber niemand weiß soviel wie Aslan.“

„Wirklich?“ fragte Eluard.

„Wirklich, ja. Aslan weiß alles. Er kennt alle Wege, er kann die Ochsen führen, weißt du, wohin er will. Ja, und er kennt die Menschen, er kann mit allen umgehen, sagt Magdalena, und er hat die großen Städte gesehen, er war selber Sammler in der Stadt …“

„Oh“, machte Eluard. „Dann ist er gerade so gut wie ein Maître …“

„Ganz bestimmt“, sagte Waldemar. „Gerade so gut und noch viel besser … obwohl … der Maître Abelard … der Lotse hatte Angst vor ihm, hast du das gemerkt?“

Eluard nickte im Dunkeln. „Ja, der hat sich gefürchtet … wie schnell er verschwunden ist …“

Waldemar lachte und sagte im Flüsterton, als ob der Lotse ihn hören könnte: „Und hast du gesehen, was für Haare der hatte? Sah der komisch aus!“

„Ja, wirklich“, antwortete Eluard und lachte auch, „der sah aus, als hätte er mal im Freien geschlafen, und die Ziegen sind gekommen und haben ihn rundum abgenagt …“

„Haha“, lachte Waldemar, „die Ziegen …“

„Sie sind munter da drin, die Kleinen“, sagte Magdalena, unter der Decke, und stieß Aslan in die Seite.

„Hmm, ja“, antwortete Aslan. „Gleich ist es dunkel … wenn wir nicht bald draußen sind aus dem Wald, muss ich absteigen und die Ochsen führen, mit der Laterne …“

„Wart noch ein bisschen“, sagte Magdalena, „vielleicht haben wir es ja gleich geschafft.“

Und sie rückte noch näher an ihn heran und schlang den Arm um ihn.

„Hmm?“ machte Aslan.

„Nichts“, antwortete sie, und lachte.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 06.03.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)