Wegscheide

Zwischen den Essigbäumen behauptete sich eine Lichtung, Gras und Kräuter kämpften mühsam gegen die unbändigen Jungtriebe, die mit ihren farnähnlichen Wedeln überall aus dem Boden schossen, und Magdalena begann gleich im Absteigen, in den Fahrspuren zu rupfen und auszuraufen, wie es sich gehörte.

Der linke Wegarm führte fast geradeaus weiter, in westliche Richtung, der rechte Arm zweigte scharf ab, nach Norden.

Die Kaufleute traten zu dem Maître, der abgestiegen war und sein Pferd am Zügel hielt.

„Wir müssen uns hier wohl trennen“, sagte er.

„Es ist bald Nacht …“ meinte Magdalena.

„Ja“, sagte Aslan, „aber er hat recht, wir können hier nicht bleiben, die Schösslinge auf der Wiese sind giftig, überall sind sie, unsere Tiere möchten davon fressen …“

Der Maître nickte. „Auf jeden Fall sollten wir zusehen, das Ende dieses Waldes zu gewinnen, vor Einbruch der Nacht, eine Stunde wird es wohl noch hell sein, vielleicht eine halbe mehr, so sollten wir uns nicht verweilen.“ Er machte eine kurze Pause, dann fuhr er fort: „Hier ist, was der Lotse mir sagte: der linke Weg führt nach Westen, hinein in die Länder, nach Frankreich, und zum Schluss auch nach Paris, das also ist euer Weg. Der meinige führt mich dort entlang“ – er wies mit ausgestrecktem Arm – „nach Norden, Geschäfte harren dort meiner, nicht kann ich mehr säumen.“ Er seufzte und blickte die Kaufleute an. „Viel wäre noch zu sagen, doch mangelt uns die Zeit …“

Waldemar kam vom Wagen heruntergesprungen. „Ich bin mit dem Pferd gefahren“, rief er stolz zu Magdalena. „Hast du das gesehen?“

„Ja sicher hab ich das gesehen“, antwortete Magdalena. „Aber nass bist du geworden, setz dich gleich ins Trockene, und Eluard auch, ihr seid doch noch klein …“

„Ich bin schon groß“, murmelte Waldemar protestierend, und Magdalena strich ihm eine nasse Haarsträhne aus der Stirn.

Der Maître schaute schuldbewusst, er hätte wohl doch eher anhalten sollen, als es zu regnen begann.

„So müssen wir uns wirklich trennen?“ fragte Roger.

Der Maître nickte. „Keinen Aufschub duldet mein Geschäft. Ihr kommt nach Paris, vor Winter, ich muss meiner Aufgabe ledig sein, bis dahin, auch kann ich winters nicht reisen, ich werde also wieder daheim sein, daheim … ihr fragt nach mir, wenn ihr ankommt, leicht bin ich zu finden, gern wird euch der Weg gewiesen werden. Ich möchte euch widersehen, auch das Kind Eluards … ihr hütet es wohl …“

„Gewiss“, sagte Aslan, „vertrau uns nur, nichts kann ihm geschehen, da es bei uns ist … Vautrin sei mit dir …“

Der Maître nickte. „Ich danke dir. Ich danke euch allen, freundlich wart ihr zu mir und habt mich aufgenommen …“

„… wie es sich gehört“, fiel ihm Grand Mère ins Wort.

„Ja“, sagte der Maître und lächelte flüchtig. Dann wandte er sich zu Eluard, der noch oben auf dem Wagen saß, und sagte freundlich: „Kommst du jetzt runter, Eluard? Du wirst mit diesen Leuten weiterziehen.“

Eluard nickte, und der Maître hob ihn herunter vom Wagen, und dann stand der kleine Junge einen Augenblick da, unschlüssig, verlegen, er wusste nicht, zu wem er sich wenden sollte, und Grand Mère nahm ihn bei der Hand und sagte: „Komm her zu mir, mein Guter, ich werde dich ein bisschen abtrocknen … wir fahren nicht mehr weit heute, dann werden wir essen, und schlafen, du wirst sehen, es ist gemütlich oben auf den Wagen …“

„Ihr werdet ganz nass, Maître“, sagte Magdalena und redete ihn sehr förmlich an. „Habt ihr keine Decke oder etwas anderes, mit dem ihr euch schützen könnt?“

„Oh ja … doch …“ sagte der Maître verwirrt, „aber es tut ja nichts, ein bisschen Regen …“

Er sah die Kaufleute der Reihe nach an und fuhr fort, mit einer hastigen Bewegung: „So will ich mich beeilen, Vautrins Segen sei mit euch, ungern scheide ich von euch, doch bleibt mir keine Wahl. Behaltet mich in guter Erinnerung, sucht mich auf in Paris … doch wartet, das Pferd …“

Er unterbrach sich, kramte hinten am Wagen, in seinem Gepäck, und zog die schwere Pferdedecke hervor.

„Hilf mir doch einmal, ich bitte dich“, sagte er zu Roger, und die beiden Männer schlugen die Decke auf über dem Rücken des Pferdes, banden sie unter seinem Bauch zusammen. Der Falbe schnaubte und drehte die Ohren.

„So“, sagte der Maître befriedigt, „so ist es besser. Wie ich sagte … ich wünsche euch gutes Gelingen und Gedeihen …“

„Vautrin beschütze dich“, antwortete Aslan mit Ernst, und die anderen fielen murmelnd ein: „Vautrin beschütze dich.“

„Wir werden deiner gedenken“, sagte Aslan, „und der Wunsch, dich wiederzusehen, ruht tief in unseren Herzen. Mögen deine Wege glücklich sein, und möge dir gelingen, was du unternimmst. Das ist unser Wunsch, und Vautrin sei mit dir.“

Und: „Vautrin sei mit dir“, murmelten die anderen.

Der Maître lächelte, es war ein rührendes Lächeln, halb verlegen, halb glücklich, er sagte nichts mehr, sondern schwang sich hoch auf seinen Kutschsitz, ergriff die Zügel, schnalzte mit der Zunge, und der Falbe tänzelte, wandte sich, gehorsam der Weisung, und der Maître fuhr hinein in den nördlichen Weg, er drehte sich noch einmal um und winkte, die Kaufleute winkten zurück, er verschwand zwischen den Bäumen. Eine Zeitlang hörte man noch Hufgetrappel und das Rasseln der Räder, der Falbe griff voll aus, endlich wurde das Geräusch von den Blättern gedämpft und schließlich erstickt.

Stille. Der Regen wisperte einförmig.

„Jetzt ist er fort“, sagte Grand Mère bekümmert, und die Kaufleute standen immer noch so, wie der Maître sie verlassen hatte, in einer Gruppe beisammen, auf der Waldlichtung.

„Ja“, sagte Aslan, „so ist das eben.“

Da fuhr er davon, der Maître, den die Menschen lieb gewannen, und der das nicht verstand – nicht verstand oder nicht zu nehmen wusste, es ist ja einerlei.

„Sehen wir zu, dass wir weiterkommen“, sagte Roger. „Gut wärs, wir ließen den Wald hinter uns, bevor es dunkel wird.“

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 04.03.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)