Todesangst

Er zitterte vor ihrer Heimkunft, und ich ermahne euch nochmals, nehmt das wörtlich. Als Wesen, gefügt allein aus Geist, müsst ihr Mühe walten lassen, euch den Sachverhalt klar zu machen. Der Junge hatte Angst vor seiner Mutter, Todesangst. Die Todesangst resultierte nicht aus der Erwartung, tatsächlich totgeschlagen zu werden, wiewohl solche Möglichkeit in der Enthemmtheit ihrer Hassausbrüche durchaus am Horizont lauerte. Es war immer auch der Zufall, der verhinderte, dass gerade eine Schlagwaffe herumlauerte im Gerümpel, der das hinfällig heranwachsende Fleisch des Jungen denn doch nicht gewachsen gewesen wäre. Der Zufall, oder die destinatorische Zurüstung, aber das läuft aus Dasselbe hinaus. Die ernsthafte Lebensbedrohung war von Anfang an um die Wege gewesen, schon das Toben des Ganzstiefelviehs hatte immer nur dies eine Thema gekannt, dass der Junge Gegner sei, Feind und Todfeind, und als solcher lebensunwertes Leben. Genau das war der Punkt. Auch für die Pferdeschnauzige hatte ihr Junge kein Lebensrecht, er war es nicht wert zu leben, er war eine einzige Störung eine einzige Belästigung, er war lebensunwertes Leben. Die Schreiauftritte von Ganzstiefelvieh wie Pferdeschnauziger, wie übrigens auch das Gehöhne der Grimmvettel und das Nasenschnauben des Kapauns, sie waren alle wie gellende Rachegesänge, unsichtbare Posaunenchöre grölten Orgelradau, und die einverwobenen Harmonien wussten nur ein einziges Ostinato: du bist Dreck, dein Atmen ist eine einzige Belästigung, was willst du hier überhaupt, du hast kein Recht zu sein. Der Junge starb fast vor Angst vor diesen Auftritten, denn er wusste das Ziel der Auftritte: Seelenmord. Sie trieben es nicht so weit, ihn körperlich zu ermorden, sie hätten es getan, wenn sie es hätten straflos tun können, so wie ja auch das ganze Scheißvolk, dem sie zugehörten, millionenfach gemordet hatte ohne Hemmung, solange es noch straflos möglich war, sie hätten es getan, es war ihnen nicht vergönnt, aber hineinzugreifen in das wehrlose Kind, das vermochten sie, ihm täglich stündlich die Selbstachtung zu rauben, ihn zum Stück Dreck zu erklären, all seine Gedanken seine Gefühle seine Wünsche für wertlos zu erklären, angefangen mit der täglich wiederholten Denunziation, sowas wie Gedanken Gefühle Wünsche, das habe der Bengel ja gar nicht, da könne man ja nur lachen, so ein Hahaha – das vermochten sie. Wie ich schon sagte, die Hassinsinuation, der hat ja gar keine Gefühle, hatte den spitzen Zweck, eben diese Gefühle, die der Junge angeblich nicht hatte, so intensiv wie möglich zu verletzen, in die Tiefe hinein. So was wie Gefühle hat der ja gar nicht, das hat überhaupt niemand, das haben nur wir, denn wir sind grandios.

Das Ziel wurde regelmäßig erreicht, der Junge war ein Kind, und fühlte sich verletzt bis ins Mark, und er wusste das, er wusste, würde es zum nächsten Hassausbruch kommen, würde er zurückbleiben verletzt bis ins Mark, sein Fleisch sein Leib würden summen wie eine angeschlagene Glocke, all seine Hautoberfläche würde sein eine einzige offene Wunde. Er wusste das, es würde passieren, er spürte die Schmerzen der Verletzung schon, bevor er noch den Schlag empfing, er spürte die Schmerzen schon, wenn er nur die Schritte der Feinde hörte, im Korridor vor der geschlossenen Tür. Er hatte Angst vor ihnen, Todesangst, er hasste und verabscheute sie, aber mit dem Hass und Abscheu des Wehrlosen des Ausgelieferten. Moralisch waren sie nicht besser als ein ekles Ungeziefer unter seinem Absatz, aber was nützte ihm das zu ahnen, da sie doch alle Verfügermacht hatten über ihn, alle Zwangsgewalt, und da er ihnen doch die Argumente ihres Hohns und ihrer grölen Überlegenheit täglich selber frei Haus lieferte, als der Schulversager, als der Hahaha, zu dem sie ihn gemacht hatten?

Er hatte Angst, und da das Menschtier nun einmal gewoben ist aus Körper und Geist, äußerte sich die Angst körperlich. Es ist jenseits des Begreifens, was in den Viehgeländen der Pferdeschnauzigen eigentlich vor sich ging. Ein Menschtier, das sich einmal überantwortet hat der Herrschaft des Lederflügligen, ist der Einfühlung nicht mehr zugänglich, nur noch der Erörterung. Im Ernst, wie sollte unsereins sich da einfühlen? Sie sprang sprengend hinein in die Gelände ihres Kindes, schlug krachend die Tür auf, drang ein schreiend und spuckend, und das Kind, sitzend in seiner Ecke in seinem Winkel, so weit entfernt von der Tür wie nur möglich, wahrscheinlich ein Buch auf dem Schoß, das Kind also starrte ihr entgegen mit weit offenen Augen, wie hypnotisiert, vollkommen starr das Gesicht, ausdrucksloses Gesicht des Opfers, das sich in sich selbst zurückgezogen hat, nur noch reines Fleisch ist, wehrlos ausgeliefert dem Angreifer, und sie, die Täterin, schreiend und dreschend und spuckend hinein in die Wehrlosigkeit, hinein in die Ausgeliefertheit, was ging in der vor, wie wollt wie sollt ihr euch das denken, wie kann überhaupt einer sich das denken? Sie musste sehen sie musste wissen die Angst ihres Kindes die Hoffnungslosigkeit ihres Kindes die Wehrlosigkeit die Ausgeliefertheit, sie war Verfügermacht über das Kind, sie konnte sich ausleben nach Gutdünken und Gelüste, und sie tat es, und was, was bitte ging dabei in ihr vor? Es war ja IHRE Stimme in ihr, unaufhörlich IHRE Stimme, die nicht aufhörte zu wispern, tu das nicht, es ist unrecht, was du da tust, tu das nicht, mein Kind, und sie hörte nicht auf diese Stimme, entschlossen hörte sie nicht auf diese Stimme, sie hörte auch hinterher nicht auf diese Stimme, hinterher, nachdem sie türenkrachend in ihrer Höllenhöhle verschwunden war, sie dachte nicht etwa, das darf ich nie wieder tun, es ist doch unrecht, was ich da tue, das dachte sie nicht, das dachte sie niemals. Keine Reue kein Bedauern. Keine guten Vorsätze. Kein Mitleid mit ihrem eigenen Kind. Schon gar keine Einsicht, was immer sie als schuldhaft markierte an ihrem Kind, sie hatte es selber verursacht. Sein Schweigen, seine Widerspenstigkeit, sein Schulversagen, seine Unzugänglichkeit – alles ihr Werk.

Und der Junge hatte Angst. Niemals kam die Angst zur Ruhe. Sie hatte irgendwann sich eingenistet in sein Fleisch. Es war, nun wohl, denkt euch das so, es war ein einfacher Lernvorgang. Misshandelte Tiere auf dem Planeten Erde reagieren auch nicht anders. Sie werden ein paarmal getreten, fortan wissen sie, ich werde getreten werden, und reagieren mit Knurren und Abwehr und sich Verbergen, sobald sie nur von Ferne die Schritte des Treters hören. Es war eingelernt, aber die körperlichen Reaktionen nisteten sich ein im Fleisch des Jungen. Das Blut gefror ihm zu Eis, hörte er das Geschlüssel des Elternviehs in der Wohnungstür. Er musste kein schlechtes Gewissen haben, seine Furcht war immer begründet, er wusste ja, sie würden über ihn herfallen, so oder so. Er konnte ihnen die Begründungen frei Haus liefern, oder sie würden eine Begründung frei fingieren, ganz egal. Sie würden über ihn herfallen, und er hatte Angst. Und da die Angst wohnte in seinem Fleisch, wollte sie sich geltend machen. Sie war ja da, sie wollte beachtet werden. Wollte beachtet werden als Herzrasen, als trockener Mund, als konvulsivisches Schlucken, als Prickeln und Sticheln der Kopfhaut, vor allem aber als dieser niemals endende elektrischen Strom auf der Haut, auf den Oberarmen zumal, auf Schulter und Brust. Nicht selten auch als krampfhaft spuckend sich entleerender Darm. Angst bis in den Schlaf hinein, Angst beim Aufstehen, Angst tagentlang bis zum Schlafengehen. Chronifizierte Angst, Angst verschwistert der Zeit, Angst sich einig wissend mit der Zeit.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 01.03.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)