Abgründe

Wieder rissen die Erinnerungen des Jungen ab, und im Alter grübelte er bis zu Kopfschmerzen, was denn passiert sei. Er verstand diese gnadenlose Selbstfragmentation seiner Erinnerungen nicht, er verstand nicht, warum seine Erinnerungen ihm das antaten. Er verstand nicht diese Sinnlosigkeit der Filmrisse, er begehrte doch so sehr der Erinnerungen, weil er sie zusammenfügen wollte, um ihnen endlich endlich einen Sinn abzugewinnen, aber die Erinnerungen verweigerten sich ihm, und also der Sinn erst recht.

Er wusste noch, wusste mit brennender Deutlichkeit, wie das war, wenn ihn die Pferdeschnauzige zusammengeschlagen hatte, und es schien ihm von unvergleichbarer Wichtigkeit zu wissen, wie es dann weitergegangen sei, wie er der spuckenden und schnaubenden Gegenwart der Hassmaschine entkommen war und sich wohin? gerettet hatte, in sein Zimmer? ohne dass ihm das Vieh hinterher gekommen war? und irgendwie musste es ja weitergegangen sein, irgendwie war ganz offensichtlich das Leben ja weitergegangen, nur wie? wieso konnte er sich nicht mehr daran erinnern?

Des Hagels klatschender Schläge, hineindreschend in sein offenes Gesicht, dessen war er sich gewärtig mit peinigender Deutlichkeit, so deutlich, dass er noch im Alter fühlte das Brennen auf den Wangen, aber dann – Abriss. Keineswegs verwischte Undeutlichkeit der Erinnerungen, sondern das blanke Nichts. Er wusste noch, dann und wann war er zu Boden gegangen, dann und wann war er aufrecht stehen geblieben. Er erinnerte sich an das Zimmer, gefüllt mit blauem Tabakdunst, gefüllt mit lagernden und wabernden Schwaden von Rauch, und der Rauch quoll aus Nüstern und Maul der Pferdeschnauzigen, er sah das nicht nur in der Erinnerung, er roch das, er fühlte das Brennen der Rauchbeize in seinen Augen, dass die brannten wie entzündet. Aber im Danach war leeres Nichts. Abgerissene Erinnerung. Ausgeschnittene Erinnerung, so wie er diese vierhundert Seiten aus dem Roman des Unnachahmlichen vergessen hatte, gelesen doch mit Gewissheit unmittelbar nach dem Umzug in die neue alte Stadt. Er begriff nicht, wie das sein konnte, er wollte die Kontinuität der Erinnerung, weil er dachte, Kontinuität verbürge Sinn, er konnte den Verdacht nicht ertragen, in seinem Leben habe sich eine Sinnlosigkeit an die andere gereiht, so dass alles Bemühen um Sinngebung von vornherein zum Scheitern verurteilt sei. Er stand da mit seinen Erinnerungsfragmenten in der Hand, blickte ratlos auf die Trümmer, entsann sich mit quälender Deutlichkeit an Ereignisse, von denen er weder wusste, wie es zu diesen gekommen war, noch welche Folgen sie gehabt hatten, tobendes Trümmergebrüll, hingestottert von einem Narren, voller Klang und Wut, ohne Bedeutung.

Erst in seinem Alter dämmerte ihm auf, dass die fragmentierten Erinnerungen tatsächlich einen Raum der Diskontinuitäten abspiegelten. Die Idee, den überkommenen Fragmenten irgendwie Sinn zufügen zu können, war in sich sinnlos. Die Ereignishorizonte, deren er sich entsann, waren leere Abgründe gewesen, geformt aus Hass. Hass aber hat in sich keine Substanz, also auch keinen Sinn. Hass eignet keine Bestimmbarkeit. Hass ist die vollständige Abwesenheit von Liebe, das ist alles. Ereignisse, aus Hass geboren, sind in sich zusammenhanglos, und noch so bemühtes Basteln der Erinnerung kann ihnen Sinn nicht verleihen. Es ist allein die Liebe, die dem Werden Kontinuität verleiht, nämlich Sinn und Zusammenhang. Ihr habt schon gelernt, die Lüge baut nicht, allein die Wahrheit baut. So gilt erst recht, der Hass baut nicht, allein die Liebe baut. Sinn aber ist eine Erscheinungsweise der Liebe, in der Sinnhaftigkeit IHRER Welt offenbart sich IHRE Liebe, IHRE Liebe leuchtet dem Menschwesen auf in dem unbegreiflichen Sinn IHRES Universums. Im Hass eröffnet sich das Menschtier dem Lederflügligen, also dem Widersacher, und stürzt hinein in den Abgrund der Sinnlosigkeit.

Deshalb also arbeiteten sich der Elegante der Doyen ab an der Sinnhaftigkeit der Sinnlosigkeit des Großen Aborts, deshalb all ihre Vorgänger an der Sinnhaftigkeit der Sinnlosigkeit der Gaskammern der Genickschussanlagen, deshalb sagten sie alle, bedrückt und ratlos, je einlässlicher man sich mit der Sache beschäftigt, desto mehr entgleitet der Sinn: da ist keiner, da war nie einer. All diese Vorgänge sind Ereignishorizonte bodenlosen Hasses, das meine ich so, der Hass ist bodenlos, grundlos, und noch so bemühtes Verweben hinein in die Tatsächlichkeiten der historischen Abläufe vermag nicht den Ereignissen Sinn zu implementieren, da ist keiner, da war nie einer. Die Ereignisse des Hasses sind diskontinuierlich, sie entziehen sich der Einfügung in sinnhafte Zusammenhänge.

Die bunte Königin, wo immer sie sich offenbart, stiftet Sinn. Die Hasshandlung, wo immer sie sich offenbart, nichtet Sinn. Der altbekannte Schrei unter den historisierenden Menschtieren, wie man doch Genickschussanlagen Gaskammern den Großen Abort „historisieren“ müsse, gar „entmythologisieren“, nämlich all diese Dinge einbetten in ihre historischen Bezüglichkeiten, führt in die Irre: es gibt da keine Bezüglichkeiten, das Ereignis steht da beziehungslos, sinnlos, lieblos. Es eröffnet sich ein Abgrund der Nichtung, den kann keine noch so bemühte Erzählung überbrücken. Eine Geschichtsschreibung, die munter meint, selbst die Gaskammern noch historisierend integrieren zu können in das geschichtliche Insgesamt des Geschehens auf dem Planeten Erde, zerstört ihre eigenen Voraussetzung, als da wäre, von der unverkürzten Vollständigkeit aller Ereignisse den eigenen Ausgang zu nehmen. Von der Genickschussanlage, in eine beliebige historische Erzählung integriert, bleibt wenig mehr als der papierene Hinweis, da sei mal etwas geschehen, unter Leugnung der einfachen Wahrheit, dass dieses Etwas das Klaffen eines Abgrunds war, aus dessen Bodenlosigkeit ein Kläffen hochdrang, des Stimmklang jedes Menschwesen erkennen sollte. Kritiker fühlten das und redeten unbeholfen von Verharmlosung, ohne wirklich wissen zu wollen, wie recht sie damit hatten. 

Der Junge konnte seinen zerstückelten Erinnerungen Sinn deshalb nicht unterschieben, weil keiner darin war. Das Leben des Menschtiers ist erfüllt von Sinn, insofern dies Menschwesen lebt mit IHR und aus IHR heraus. Die Hasspartikel, die dann von außen einschlagen auf das Menschtier, besitzen in sich selbst und in ihrer Folge weder Zusammenhang noch Grund, sie sind diskontinuierlich, chaotisch,  unvorhersagbar, blindwütend. Der Hass ist sinnlos, und was dem Menschwesen bleibt, ist die Einsicht, ich muss das tragen. IHR Wille.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 05.02.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)