Mehr Trödel

„Also“, hub Aslan an, „weit sind die Wege des Kaufherrn, und viel bekommt er zu sehen. Obendrein, wie ich dir sagte, war mein Vater selbst, mein eigener Vater, tot ist er nun, Sammler in der großen Stadt. Deshalb weiß ich zu raten, ich rate dir gut, und hör du mir zu. Schwierig ist das Geschäft des Sammlers, und kenntnisreich muss er sein; doch weiß er die Dinge, die Vautrin zu wissen ihm auftrug: nicht fern ist ihm dann der Erfolg, zu wenden weiß er sein Geschick, Wohlstand kehrt ein in seinen Wänden, beliebt macht er sich unter den Menschen. Und Not tut da eines: du siehst, zwei Arten gibt es von Sammlern. Die einen flieht der Erfolg, sie mühen sich, und Plage ist ihr Los, doch gelingts ihnen nicht, sie durchstreifen die Städte, der Reichtum liegt zu ihren Füßen, und sie finden ihn nicht. Und ist da die zweite Art von Sammlern, sie gehen und finden, sie mehren ihr Wohl, anwächst ihr Reichtum, wie Zauberkraft scheint es. Die einen also gibt es, und die anderen. Nun, woran liegts, das sag mir, Bruder Warlam.“

Warlam begann, zuzuhören mit Aufmerksamkeit. Das interessierte ihn, was der Kaufherr da sagte, das interessierte ihn brennend, das interessierte ihn quälend.

„Nun“, fuhr Aslan fort, „du kannst mirs nicht sagen, Bruder Warlam, nicht weißt du die Antwort. So will ich dir helfen, dir geben die Lehre, dass Wohlstand einkehre in deinem Haus, und beliebt du dich machst unter den Menschen.“ Er hielt inne, feuchtete die Lippen mit der Zunge und redete weiter: „Nun sind da also die Sammler, denen gelingts, geraten ist ihr Werk. Wie kommts? Höre das Wort. Gegeben hats ihnen Vautrin, dass sie wissen, was sie suchen. Da sitzen sie in ihrem Haus und denken und grübeln und nehmen sich vor: suchen will ich dieses und jenes, doch nur dieses und jenes, gehe hin an die Orte, wos zu finden ist, die anderen meid ich, lass liegen, was nicht ist dieses und jenes. Und sie gehen hin in die Städte, in die Straßen, in die Gehäuse Vautrins, und suchen dieses und jenes, doch nur dieses und jenes, das andere lassen sie liegen, achten sein nicht. Und siehe, da mehrt sich ihr Wohlstand, sie suchen und finden – suchen und finden, was sie sich vorgenommen, und nur dieses. Und bald wird ihnen Kunde und Kenntnis, sie erkennen die Orte, die Stellen und Plätze, wo zu finden ist was sie suchen, die anderen können sie meiden. Und leicht wird ihr Finden, geringer die Mühe, immer besser machen sies, und bald wissen die Menschen, dieser da, er findet dieses und jenes, er weiß, wos ist, wenden wir uns an ihn, wenn uns der Sinn danach steht, und siehe, er sammelt und verkauft, die Kaufherren hören von ihm und wissen, wenn sie benötigen dieses und jenes, bei ihm werden sies finden, so kommen sie zu kaufen, und sein Wohlstand mehrt sich von Mond zu Mond, von Markt zu Markt, wie es Vautrin gebeut. Solches, Bruder Warlam, ist der Rat, wie ich ihn dir zu geben weiß, und erwäge ihn wohl.“

Warlam hatte mit offenem Mund zugehört, das alles war ihm neu, auf den Gedanken war er noch nicht gekommen, ob dieser unverschämte fremde Kerl, der da so einfach in sein Haus eingedrungen war, am Ende recht hatte? Er blickte misstrauisch, in seinem engen Hirn arbeitete es, er sah aus wie eine Maus, die einen Köder beschnuppert.

„Bedenkenswert ist dein Rat“, sagte er endlich und nagte an seiner Unterlippe. „Wahrhaftig, ich will darüber nachdenken, jawohl, das will ich.“

Aslan und Roger schauten befriedigt.

„Zum Dank, he“, fuhr Warlam fort, und seine Augen leuchteten auf, „zum Dank, dass du mir so bereitwillig die Schleusen deines Wissens eröffnet, wie, will ich dir zeigen mein Kostbarstes, und es dir anbieten zum Kauf, und werde dir einen günstigen Preis machen. Wartet hier.“

Er tappte hinüber zur entgegengesetzten Ecke des Speichers und kramte dort herum, unter einer Wachstuchplane. Die Kaufleute warteten mit Spannung. Schließlich hatte Warlam seine Kostbarkeit gefunden, er kam zurück, einen flaschengroßen Gegenstand im Arm, gehüllt in Lumpen.

„Hier“, sagte er feierlich, „auch ich weiß zu finden.“

Aslan nahm ihm den Gegenstand ab und wickelte ihn aus. Dann sah er und staunte, Donnerwetter, hätte er beinahe gesagt, aber er war zu sehr Kaufmann, einen Ruf auszustoßen, der unfehlbar den Preis heben musste, also, das war wirklich etwas …

Ein Wärmemesser, und ein Gerät, dass das Wetter anzeigte, wahrhaftig … Roger schaute Aslan über die Schulter, er verstand nicht, was er sah. Er sah einen flachen länglichen Gegenstand, geschnitzt aus Holz, Weinblätter nachahmend. In den unteren Teil, der dick und rund ausbauchte, war ein glitzerndes kreisrundes Instrument eingelassen, Glas und Metall, und mit zwei Zeigern und einem Zifferblatt, wie bei einer Uhr, aber die Zeichen darauf, die verstand Roger nicht. Und im oberen Teil des Gegenstandes, der lang und schmal war wie ein Flaschenhals, da befand sich ein weiteres Instrument, das aber kannte Roger, das war ein Wärmemesser, ein luftdicht verschlossenes Glasröhrchen, in dem eine Quecksilbersäule auf- und niederstieg, so etwas stellten die Glasbläser her, drunten in Flandern, ja … „Aber was ist das, da unten?“ fragte er.

„Das ist ein Gerät, das zeigt an, wenn das Wetter sich verändern will“, sagte Aslan. „Kommt Regen, so bewegt sich der Zeiger nach links, dieser hier, der goldene, und will es schön werden und klar, so wendet er sich nach rechts; und damit man sehen kann, wohin er sich bewegt hat, wenn man nicht zuschaute, da kann man diesen anderen Zeiger hier, den dunkleren, dorthin drehen und festmachen, wo gerade der goldene steht; so erkennt man die Bewegung.“

Roger schaute. Das glitzernde Instrument fasziniert ihn, dennoch wandte er ein: „Aber das Wetter … man erkennts doch auch so …“

„Nun“, sagte Aslan, „aber die Stadtbewohner, die Maîtres vielleicht …“ Dann fiel ihm bei, dass Warlam zuhörte, und er fuhr in gleichgültigem Tone fort: „Nun ja, ein Spielzeug ists, natürlich … wir wollen sehen, was Bruder Warlam fordert.“

Aber so dumm war Bruder Warlam nun auch wieder nicht. Er forderte. Er forderte nicht wenig. Zuerst ging es ums Bare, um Gold, um Münzen. Aslan weigerte sich rundweg. Tauschen würde er, aber Gold war knapp, der Kaufmann musste das Seinige zusammenhalten. Also Tauschen, Nahrung, Baumwolle, Messer, Metallgeräte, irdene Töpfe, metallene Töpfe, Kupfer? Widerspenstig war Warlam. Felle? Da waren Felle auf dem Wagen, weich und dick, hoch oben aus dem Norden waren sie gekommen, von dort, wo es im Sommer nicht dunkel und im Winter nicht hell wird, aus den kalten Regenwäldern, wo es dem Nordmeer zugeht, dem Eismeer, den tosenden Nächten, wo der harte Schrei tönt der wilden Gänse … alles, alles kennt der Kaufmann, weiß zu berichten von den Ländern, den fernen … Noch nicht genug? Eine Draufgabe also. Honig ist auf unseren Wagen, goldgelber Honig in kristallierten Tropfen, betäubender Duft, die Würze des Waldes … so viel? Ein irdener Topf voll? Höre, Bruder Warlam, handeln wollen wir, jeder soll seinen Vorteil haben … du bleibst dabei? Ein Fell, ein irdener Topf voll Honig? So gib uns selbst etwas drauf. Lass uns Weiden sammeln auf deinem Besitz, dass wir sie schneiden und legen in Wasser und Körbe draus flechten und Ruten binden, gering ist die Forderung … Du bists zufrieden? Deine Hand. Schlag ein. Der Handel ist gemacht. Ein guter Tag wars für dich, ein guter für uns. Wir können zufrieden sein, Vautrin hats gegeben.

Vautrin hats gegeben.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 29.01.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)