Dilettantismus und Professionalität

(Dieser Beitrag ist gewidmet einer Künstlerin, die das ehrenvolle Attribut „professionell“ mehr als verdient, nämlich Josephine von lemanshots.wordpress.com. Immer hält ihr handwerkliches Können der nimmer endenden Fülle ihrer Bildeinfälle Schritt, sie ist ein tägliches Vorbild.)

Peter von Mundenheim ist nicht eben ein großer Besprecher seiner selbst, aber einmal hat er doch was rausgelassen, das hab ich mir gemerkt. Ich gebe es aus der Erinnerung wieder, deshalb steht auch mein Name drunter, nicht seiner.

Wir gingen spazieren, und das war am Ufer des Weld, schon in der Abenddämmerung, auf der anderen Seite des Flusses leuchteten die kleinen Lichter von Montbel, ich dachte an diesem Tag nicht an den Fons, der da drüben auf den Höhen liegt, wir wollten einfach ein bisschen spazierengehen, behielten die Brücke im Blick, unterhalb der Brücke liegt die „Bastei“, ein Restaurant, das die Touristen nicht so oft heimsuchen, dort wollten wir zu Abend essen, und vorher schlenderten wir noch ein bisschen am Flussufer entlang. Und irgendwie kamen wir auf die Schriftstellerei zu sprechen, ich fing wie üblich an zu drängeln, mach doch mal wieder was fertig, sagte ich, damit wir das veröffentlichen können. Da draußen sind Leser, die interessieren sich für dich.

Das wüsst ich, sagte er.

Und dann, unerwartet, kam er ins Reden, über seine Arbeit am Schreibtisch, und er offenbarte Dinge, über die er sonst beharrlich schweigt.

Ich habe ein schmutziges kleines Geheimnis, sagte er. Und das verrat ich dir jetzt. Ich bin ein Perverser. Ich schätze Professionalität. Professionalität, das ist das Ding. Früher hat man mal um Werke „gerungen“. Mein Ringen besteht darin, dass ich mich pünktlich an den Schreibtisch setze und mache und tu. Ob du’s glaubst oder nicht, Kreativität ist auch eine Sache der Übung. Kreativität, die nicht geübt wird, vertrocknet. Es hopst ja auch nicht ein Turner auf seinen Geräten herum und sagt, aber trainieren muss ich nicht, ich bin ja begabt, das kann ich so. Und wer komponieren will, sollte sich täglich an sein Klavier setzen, anders wird da nichts draus.

Ich glaube, sagte er, es gibt zwei Haltungen bei Künstlern, und die lassen sich nur schwer vereinbaren. Bleiben wir mal bei den Schriftstellern.

Da gibt es die einen, die denken sich was. Die haben einen Gedanken, oder ein Gefühl, und die Gedanken und die Gefühle, die kommen zuerst. Sie warten verzweifelt, dass sie einen Gedanken haben, oder ein Gefühl, um das auszudrücken. In einem Wort, sie suchen nach einer Idee. Und wenn sie die dann haben, die Idee, dann suchen sie nach den Worten, und die Worte haben den Auftrag, die Gefühle die Gedanken auszudrücken. Verstehst du? Die Idee, der Einfall, die Gefühle, das kommt alles für solche Leute zuerst. Die Worte sind dann Diener, die sollen machen und liefern. Oft sind solche Schriftsteller dann auf der Suche nach dem treffenden Wort, denn die Idee, die haben sie ja schon, jetzt muss die richtig ausgedrückt werden!

Und auf der anderen Seite gibt es die Schriftsteller, die — also, wir sind ganz anders. Für uns fängt alles an mit den Worten, denn wir glauben, am Anfang war das Wort. Die Worte sind der Anfang von allem, und alles wird geboren aus den Worten. Wir fangen also nicht an mit Ideen und Gefühlen und Vorstellungen, wir fangen an mit den Worten. Wir setzen uns hin und warten, dass die Worte sich von selber melden. Wenn wir nur still und höflich und aufmerksam genug warten, dann, und das wissen wir aus Erfahrung, kommt irgendwann das erste Wort geflattert, denn die Worte sind neugierig, und gleich ist es wie mit den Spatzen unter dem Baum, wo erst mal einer sich einstellt, kommt sogleich ein zweiter, und dann ein ganzer Schwarm. So flattert alsbald ein der Schwarm der Wörter, und glaub mir, wir tun nichts anderes, als diesen Schwarm geduldig zu beobachten. Wie die miteinander tanzen! Wie die zirpen und tschilpen! Wie die sich zanken und wieder vertragen! Erst verjagen sie sich gegenseitig, und dann fliegen sie einander hinterher. Sie streiten sich ohne Unterlass, und mögen ohne einander nicht sein. Übrigens sind sie ziemlich promiskuös, sie treiben es miteinander mit Leidenschaft, und nehmen es dabei nicht gar so genau, wer mit wem. Und sie achten kaum auf die Welt rundum. Sie beschäftigen sich miteinander, dies Miteinander ist ihr Leben, und wir sitzen und beobachten das, geduldig, hingerissen, amüsiert, ungläubig, das volle Programm. Wir sehen zu, wir beobachten all die Gebärden, die kurzen Vergesellschaftungen, das Entfliegen, die höflichen Begegnungen, die informellen Zusammenschlüsse. Wir beobachten den Tanz der Wörter.

Und irgendwann, das kannst du dir vorstellen, fangen wir an mitzuschreiben. Erst folgen wir dem einen Wort, aber die bleiben ja nie allein, unser Mitschreiben wird immer hastiger, und immer sind wir den Wörtern hinterher, die machen was sie wollen, die setzen die Regeln, die spielen ihr Spiel, und wir sind die gehorsamen Beobachter. Die Chronisten. Was wir hinterher auf dem Papier stehen haben, oder im PC, das ist die getreue Chronik dessen, was die Worte heute wieder gemacht haben.

Unser Respekt vor den Wörtern ist unendlich. Wenn wir anfangen zu schreiben, haben wir keine Ahnung, was nachher auf dem Blatt stehen wird. Wie denn auch? Es sind die Wörter, die uns jedes Wort diktieren, wir schreiben den Wörtern gar nichts vor. Wir sind bloß die dankbaren Zeugen, die Empfänger. Wir empfangen bloß, was die Worte machen. Die Worte sind immerfort auf Sendung, wir sind die, die den Radioapparat einschalten. Nun ja, wir sind der Radioapparat selber. An unserer Beschaffenheit liegt es, wie genau und wie sauber und wie reich wir die Botschaft der Wörter empfangen, wie verzerrungsfrei, und wie klar die Obertöne klingen. Aber die Musik, die machen die Wörter selber.

Ich glaube, das ist so mit allen Künsten.

Literatur entsteht aus Worten.

Malerei entsteht aus Farben und Formen.

Ich bin kein Maler, aber ich kann mir nicht denken, dass in den bildenden Künsten die Dinge anders ablaufen. Das Bild wird geboren aus Farben und Formen, so wie die Gedanken geboren werden aus den Worten. Wer den Worten seine Gedanken aufzuzwingen sucht, und den Formen und Farben das vorentworfene Bild, wird immer nur kreisen in sich selber. Aber vielleicht hat er Glück, und die Wörter unter seiner Hand werden so ungebärdig, dass endlich Gedanken sich entwickeln, an die hatte er nicht gedacht, er, der Schreiber, der doch nur Aufschreiber ist. Und der Maler hat vielleicht auch ein Bild im Kopf, und dann setzt er den ersten Strich auf die Leinwand, und ein zweiter kommt hinzu, oder er wirft das Grafik-Programm in seinem PC an, wie auch immer, und dann fangen die Striche und die Farben an, miteinander zu tanzen, aufeinander einzuwirken, sie bestätigen sich gegenseitig, oder sie widersprechen sich, jeder neue Farbtupfer verändert die Bedeutung aller anderen Farben und Formen im Rahmen, die Farben und Formen sagen zueinander, ich seh dich aber ganz anders als du dich selber, und wer weiß, am Schluss erscheint eine Vision auf der Leinwand, unvergleichbar allem, was der Maler zuvor sich gedacht.

Wer mitschreiben will beim Tanz der Wörter, wer folgen will dem Tanz der Formen und Farben, der muss sein Handwerk beherrschen, der muss professionell sein.

Das ist mein Punkt. Denk an die Popmusiker.

Die Popmusiker haben ein ähnliches Problem wie jene anderen Schriftsteller, die alleweil „ihre Gefühle ausdrücken“ wollen. Ihnen droht immer der Dilettantismus. Oft wachsen sie auf mit der Musik, sie hören Musik, noch bevor sie reden können, die Musik ist ihre Muttersprache. So mancher Sprecher seiner Muttersprache weigert sich beharrlich, Grammatik und Wörterbuch zur Kenntnis zu nehmen, die richtige Aussprache der Wörter zu erlernen. Er versichert erregt, er könne das „so“. Nie schlägt er die Bedeutung eines Wortes im Wörterbuch nach. Und wem die Musik Muttersprache ist, der weigert sich vielleicht, jemals ein Lehrbuch der Harmonielehre anzufassen. Der weigert sich vielleicht, auch nur das Notenlesen zu lernen. Der weigert sich wohl gar, professionell sein Instrument zu erlernen. Wozu lernen, herrscht er. Ich kann das „so“. Infolgedessen gelingen ihm zuweilen gute Einfälle, aber werden die Einfälle kompliziert, fehlt ihm die Technik, sie wiederzugeben, und seine Musik bleibt immer der Konventionalität verhaftet, alle paar Jahre kommt mal eine mühsam neu zusammengehörte Harmonie hinzu, nichts entwickelt sich, und der hoffnungsvolle Aufbruch bleibt im Dilettantismus stecken, wo allein Professionalität die Reise vorangebracht hätte, nämlich die Reise hinein ins Unbekannt.

Frei mit den Regeln umgehen kann nur der, der sie kennt.

Der Regelbruch ist nur dort vielsagend, wo die Regeln im Grundsatz gelten. Wer die Regeln nicht kennt, bleibt immer ihr Untertan, erst recht dort, wo er sich ihnen überlegen fühlt. Er denkt, er beherrscht die Massen der Regeln, aber er weiß nichts von ihnen, er kennt sie nicht einmal. Um die Gültigkeit der Regeln recht bezweifeln zu können, muss ich sie erst einmal kennen. Das Können kann des Kennens nicht entraten, das ist nun einmal so, und wer ewig froh spielendes Kind bleiben will, endet in der störrischen Infantilität.

Deswegen bin ich ein großer Verehrer der Professionalität. —

Also sprach PvM, und ich habe das jetzt aufgeschrieben.

(Dies schrieb Peter Flamm für diese Seite, am 28.01.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)