Die alte Tante

Das Zimmer roch nach der alten Tante. Sie benutzte ein Duftwässerchen, von dem gab sie immer einen Spritzer in ihre Taschentücher, Brauch, noch aus alten Zeiten überkommen, aus der Zeit der Enormen, da sich die feinen Damen gerne die parfümierten Tüchlein vors Näschen hielten, wenn sie in Regionen der Ungewaschenen vordrangen. Die Tante hatte gelernt, auf Status zu achten, sie gehörte nicht zu den schiebenden Massen in den Gassen, sie war Bankangestellte, sie sprach die Sprache des Scheißlandes akzentfrei, wie auch ihre Aussprache der Laute des westlichen Nachbarlandes makellos war. Sie hatte sich das alles mit unendlicher Mühe eindressiert, weil ihr gesagt worden war, das gehört sich so. Sie kannte eine Auswahl von Fremdwörtern, und sprach die richtig aus, nämlich so, wie ihr gesagt worden war, dass man die auszusprechen habe. Was ihr beigebracht worden war, als sie noch Kind war, das galt. Galt bis an ihr Lebensende. Es war ja die Macht, die in Gestalt des Herrn Lehrers zu ihr geredet hatte. Es interessierte sie gar nicht, warum der Herr Lehrer diese oder jene Aussprache gefordert hatte, es ging um die Forderung, die Forderung der Macht. Die „richtige“ Aussprache eines Wortes war diesem Wort naturhaft inhärent, anders konnte sie sich das gar nicht denken. Dass es da Wandel geben könne, lag nicht in ihrem Begriffsbereich. Sie sprach nach die Vorgaben der Macht, und auf Fragen des Jungen erwiderte sie, das war schon immer so. Zuweilen, aber erst in späteren Jahren, dachte der Junge, dass ihr manisches Ausfüllen von Kreuzworträtseln wohl einfach die Exekution eines unveränderlichen Weltbildes war, auf genau formulierte Fragen gab es eine einzige treffende Antwort, und die war an vorgesehener Stelle einzutragen, vierzehn waagerecht, dreiundzwanzig senkrecht. Gefangen im Regelzwang, hatte sie eine unendliche Mühe mit den einfachsten Behördenbriefen. Es gab eine richtige Formulierung für ihr Anliegen, das wusste sie, eine einzige richtige Formulierung, und die musste sie finden, musste sie einfach, sie malte sich das Stirnrunzeln aus der empfangenden Macht, sollte ihre Formulierung nicht genau treffend sein, Stirnrunzeln der Macht, das durfte nicht sein. Der Junge erinnerte sich amüsiert, wie sie einmal einen Werbebrief erhalten hatte von einem Kaffeeröster, des Inhalts, man habe schon lange von ihr keine Bestellung mehr notiert, man mache sich Gedanken. Sie setzte sich in vollem Ernst hin und schrieb eine Antwort, erklärend, genau diese Firma, sonst ein reiner Versand, habe ja nun ein Ladengeschäft eröffnet in ihrer Stadt, da gehe sie jetzt immer hin. Der Junge spürte, sie hatte richtige und echte Angst vor dem ausgemalten Befremden des Händlers, warum kauft die nicht mehr bei uns. Die alte Tante schwitzte einen ganzen Abend über diesem Brief, und als der Entwurf endlich stand, wurde er ins Reine geschrieben. Ihre Handschrift war, wie schon erwähnt, makellos, in ihren Schulzeugnissen hatte immer gestanden, Handschrift: sehr gut. Die Handschrift des Jungen war bestenfalls liederlich, sie tadelte das mit den Worten, was sollen denn deine Lehrer denken. Die Frage, was soll dieser und jener denken, beschäftigte sie in den geringsten Dingen und war ihr Hauptargument. In der Bibliothek sprach sie, nimm dir doch nicht so viel mit, was sollen die denn von dir denken. Sie hielt den Jungen an, auf die Sauberkeit seiner Unterwäsche zu achten, du könntest mal einen Unfall haben, und was soll die Krankenschwester dann von dir denken. Der Junge fand das hochgradig komisch, mit den Jahren immer weniger, und in seinem Alter, im Rückblick, dann überhaupt nicht mehr. Die Geschichte mit dem Versandhändler war nicht lustig, sie erschien ihm zunehmend als Zeichen eingefressener Gestörtheit, die irgendwie eine Andeutung enthielt, wieso die alte Tante sich so bereitwillig den Stiefeln unterworfen hatte. Wieso sie sich so bereitwillig der Grimmvettel unterwarf. Sie malte sich pausenlos aus, was diese oder jene Macht über sie denken möchte. Beim Lösen einer Fahrkarte am Bahnschalter machte sie ein schuldbewusstes Gesicht, was soll der jetzt von mir denken? der hinterm Tresen, der Machthaber. Sie stand dann immer kurz davor, dem Machthaber eine unterwürfige Erklärung abzugeben, warum sie diese Fahrt unternehmen wolle, und dass das alles seinen guten Grund habe, aber hinter ihr drängten andere Fahrgäste, und was sollten die jetzt von ihr denken, wenn sie sich mit Erklärungen aufhielte? und also machte sie sich vom Acker, hin und her gerissen von der Frage, was sollen die jetzt von mir denken.

Ihr bemerkt einmal mehr IHREN schrägen Humor, dass der Junge ausgerechnet von einer solchen Existenz Rettung erhoffte, brennend und unbeirrbar. Die alte Tante war kein schlechter Mensch, sie dachte und redete niemals Böses, und sie suchte Gutes zu tun, nämlich immer dann, wenn sie gebraucht wurde von der Familienkloake. Wenn ich gebraucht werde, dann helfe ich auch. Sie half den Falschen, und dem Richtigen zu helfen, versäumte sie. Die Falschen waren die Machthaber, und der Richtige war nicht der Richtige, er war der ganz unten. Sie folgte nicht den Machthabern, wenn sie den Jungen verurteilten, sie ging dann dennoch mit ihm spazieren und kümmerte sich um ihn und kochte für ihn und versorgte ihn, aber es quälte sie, dass er sich so gar nicht den Geboten der Macht fügen wollte. Sie ermahnte den Jungen immer wieder, doch seine Hausaufgaben zu machen, gute Noten nach Hause zu bringen, ordentlich zu sein, sich sauber zu halten. Zeig‘s denen! rief sie ihm zu.

„Denen“ irgendwas zu zeigen, war ungefähr das Letzte, was dem Jungen zeitlebens eingefallen wäre, aber da war kein Zweifel, die alte Tante wollte ihm wohl. Er sollte mitmachen, er sollte sich anpassen, er sollte sich den Regeln fügen, dann würde schon alles gut werden. Oder nichts würde gut werden, auf jeden Fall sollte er sich fügen, denn Fügsamkeit, das galt ihr Wert an sich. Er aber sah den Bewohner hinter den Teigfassaden und dachte, lieber sterbe ich, als bei euch mitzumachen. Da er ein Mann wurde, erkannte er den unvergleichlichen Wert der Zivilisation, egal wie niedrig die Gestalten, die sie aufrechterhielten, und er machte sich entschlossen daran, immerfort das Richtige zu tun, alles zu tun, was die Zivilisation voranbrachte, aber das half ihm nicht weiter, denn auch das Geander interessierte an ihm allein das Mitmachen, nämlich das Mitmachen bei der Müllverklappung, das Mitmachen beim Intrigieren und Hassen und Zeigefingern und Runtermachen, der Junge dachte nicht daran, er blieb dabei, bei allem und jedem das Richtige zu tun, und nahm vorweg nicht an, das Geander hätte die leiseste Ahnung, was das Richtige sei, also fragte er erst gar nicht, sondern hörte auf IHRE Stimme, und damit eckte er an da draußen und erregte Hass. Verzichtete er auf seinen freien Tag, um einem Kollegen zu helfen, erwuteten die anderen wider ihn, sprechend, der setzt ein schlechtes Beispiel. Warum tust du das? fragte wohl mal einer. Einfach so, sagte der Junge. Wenn einer um Hilfe bittet, und ich kann helfen, dann tue ich das auch. Das gehört sich einfach so. Man sah ihn an mit Blicken, die er nicht verstand und auch gar nicht verstehen wollte. Die Hoffnung, er könne jemals etwas richtig machen, erstarb in ihm zuletzt, dann aber gründlich. Die Botschaft der alten Tante war, tu, was die von dir wollen, damit die mit dir zufrieden sind, er aber lernte schnell, die werden niemals mit mir zufrieden sein, ob ich nun tue was sie wollen oder nicht, denn wenn ich tue was sie wollen, erkennen sie sogleich, das hat der nicht getan, weil wir das so wollen, sondern weil er es für das Richtige hält, und es ist ihm dabei ganz egal, was wir wollen, der soll aber nicht nur tun, was wir wollen, sondern der soll es tun, weil wir es wollen, allein deshalb soll der das tun! der soll sich gar keine Gedanken darum machen, ob es denn auch das Richtige ist, vielmehr hat es ihm zu genügen, dass wir das wollen, und fertig! Oder, und das war der gewöhnliche Fall, sie entdeckten, eigentlich haben wir was ganz anderes gewollt, und das hätte der doch merken müssen, wieso hat der das nicht gemerkt, das hat der mit Absicht gemacht, um uns zu schaden. Waren sie doch einmal zufrieden mit ihm, wurde ihre Zufriedenheit ihm untrügliches Indiz, dass er etwas falsch gemacht haben müsse. Mit dem Alter wuchs sein Grauen vor dem Geander, die werden niemals und unter keinen Umständen anerkennen, was ich tue, dachte er, wenn ich aber versuche, ihren Wünschen zu gehorsamen, werde ich erst recht auflaufen an den Mauern ihres Hasses.

Und er dachte trüb, nicht eben eine Neuigkeit. Erwischte ihn die Grimmvettel beim Lesen, rief sie hass: Könntest dich ruhig mal mit deinen Schulbüchern beschäftigen, da fällt dir kein Zacken aus der Krone! tat er es, schrie sie: Jetzt fällt dem das ein!

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite18.01.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)