Der Maître

Grand Mère schöpfte aus dem großen Kessel, der am Dreifuß über dem Feuer hin. Eintopf: da waren dicke Bohnen und Kartoffeln zusammengerührt und Butter beigegeben, mit Grütze angedickt, Magdalena schnitt dazu Kanten vom Brot herunter, eine nahrhafte Speise. Waldemar hatte Hunger, alles hatten Hunger.

Sie aßen sehr ernsthaft, redeten wenig oder gar nicht, die Nahrung verlangte Aufmerksamkeit: wer wüsste Wichtigeres? Leben, und heute Nacht leben, und morgen leben …

Die Ochsen schnaubten und mahlten nahebei in der Wiese und rupften das Gras. Sie bewegten sich frei, es war unnötig, sie anzupflocken, sie liefen nicht weg, und bei Gefahr war es gut, wenn sie nicht durch Fessel oder Strick behindert waren: Moses Maimon hatte einmal einen Bären in die Flucht geschlagen, der hatte sich nachts dem Feuer genähert, schnüffelnd, schnobernd, nach Futter suchend, mit tappenden und schaukelnden Bewegungen und kleinen Augen, die Angst machten, und Moses Maimon war herangaloppiert gekommen, mit donnernden Hufen und brüllend, schwarze Masse in der Nacht, und hatte den Bären auf die Hörner genommen, dass der durch die Luft geschleudert wurde, überkugelnd, und, wieder auf den Füßen, sich eilig davongemacht hatte, ohne weitere Umstände …

„Ja“, sagte Grand Mère befriedigt und leckte sich die Finger, „es ist doch spät geworden, schon ganz dunkel. Wie die Zeit vergeht …“

Roger nickte. „Die Tage werden kürzer, und wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Mit Vautrins Hilfe …“

„Ihr wollt noch weit reisen, diesen Sommer?“ fragte Gabriele.

„Ja“, antwortete Roger, „wir wollen bis Paris kommen, vor dem Schnee.“

„Paris…“ wiederholte Gabriele. Davon hatte sie schon gehört, bei Vautrin, wer hätte das nicht, die gewaltige Stadt, das heilige Herz der Geschichten … Sie seufzte. Wie schön das sein musste, ein Kaufmann zu sein, reisen, die Welt sehen …

Schüchtern sagte sie zu Aslan: „Eure Wagen sind reich, groß die Fülle eurer Waren … nicht alle sind so gesegnet …“

Aslan nickte gemessen. „Vautrin hat es wohl gemeint mit uns, und Dankbarkeit ist in unseren Herzen, Schwester Gabriele.“

„Vielen geht es schlechter als uns“, sagte Inge. „Nicht alle Kaufleute können sich halten, auf Dauer.“ Sie war stolz darauf, wohlhabend zu sein, alles waren sie das, natürlich, wenn sies auch nicht so deutlich aussprachen.

Roger bekräftigte das. „So ist es“, sagte er, „und es ist das Gesetz des Kaufherrn: Waren soll er führen zu allen Orten, und zeigen die Kunst der Menschen und die Macht Vautrins. Steigt sein Wohlstand, so sehen die Menschen die Fülle der Welt, und es wächst auch der Ruhm Vautrins; deshalb ist es der Wille Vautrins, dass der Kaufherr seinen Reichtum mehre.“

Dies war Rogers Bekenntnis, und wenn ers auch mit vielen der anderen Kaufleute teilte, so billigte Aslan es nicht ganz: für ihn war der Kaufmannsstand etwas anderes, ernsteres, er hätte es nicht in Worte zu fassen gewusst, doch spielte in seiner Vorstellung die Unendlichkeit der Wege eine Rolle, die Tiefe und das Schweigen der Wälder, der Länder …

Er sagte nichts.

„Morgen werden wir bei deinen Verwandten eintreffen“, sagte Inge zu Gabriele. „Wir werden das Kind sehen. Erzähl uns von ihm …“

„Ach ja“, sagte auch Roger, „wie ists mit deinen Verwandten? Ist der Segen Vautrins mit ihnen?“

„Sie haben ihr Teil zu tragen, wie wir alle“, erwiderte Gabriele vorsichtig. „Es sind fleißige Leute, und mühen sich redlich, wir —–„

Sie brach ab, kreischte wie eine Katze, der man auf den Schwanz getreten hat. Ihre Hand fuhr zum Mund, sie gurgelte, und ihre Augen starrten in blankem Entsetzen auf die Schatten am Waldrand.

Die Kaufleute fuhren herum und starrten, geblendet vom Feuer. Es war ganz dunkel geworden.

Da drüben, am Waldrand, stand einer. Schwarze Gestalt vor dem Schwarz der Stämme, undeutlich, reglos. Der Graus segelte heran, in flachem Schwung, und setzte sich auf Gabriele, dass sie ächzte.

„Bei Vautrin“, wimmerte sie, „ein Geist!“ Die ganze Nachtangst der Dörfler brach über sie herein, es war, als würde ihr einer mit einem Fischskelett das Rückgrat hinunterkratzen, die Gräten riefelten auf der Haut, sie wurde beinahe ohnmächtig …

„Na, also …“ sagte Aslan, dann rief er: „He, du da, wer bist du?“

Die Gestalt rührte sich, löste sich aus dem Dunkel des Waldrandes, trat mit ruhigem Schritt in den Lichtschein des Feuers.

„Ich bin Abelard, so ist der Name, den mir meine Eltern gaben … ich bin auf Reisen.“

Mitte Vierzig war er, hager, die Stirn über der Nase zusammengezogen wie aus Gewohnheit, das Haar lichtete sich, Blond und Grau durchmischt. Das lange, bis auf den Boden reichende Gewand war schwarz, mit nachtblauen Säumen.

Die Kaufleute hatten sich erhoben, standen im Kreis um das Feuer, starrten …

Das war ein Maître … ein Maître der Sorbonne … aus Paris …

Schweigen.

Aslan fasste sich als erster. Er trat auf den Maître zu, fasste ihn bei der Hand und sagte mit Respekt: „Sei uns willkommen. Wir sind Kaufleute. Ich bin Aslan, und das, das ist meine Familie, und“ – er deutete auf Gabriele – „eine Schwester in der Zeit, die uns den Weg weist.“

„Ich kenne dich ja“, sagte der Maître zu Gabriele, „du wohnst nicht weit von hier, ich sprach mit dir, gestern erst …“

„Ja, oh, ja“, antwortete Gabriele, die ihn endlich wiedererkannte. Ihr Geist war noch immer wirr.

„Setz dich zu uns“, sagte Aslan einladend, „du bist willkommen. Genug wird in unseren Wagen zu finden sein, dich zu sättigen.“

„Hm, gewiss“, entgegnete der Maître und zögerte. „Mein Pferd, mein Wagen … ich hab sie stehen lassen, weiter hinten auf der Straße, ich wollte erst sehen, wer ihr seid.“

Aslan sagte: „So gehen wir, dein Tier zu holen, wir werden ihm Platz schaffen auf der Weide, abseits von unseren Ochsen, die übrigens gutmütig sind und verträglich. Roger …“

„Natürlich“, sagte Roger. Er wandte sich zu dem Maître und fuhr fort: „Nun weis mir den Weg.“

Die beiden entfernten sich, am Waldrand entlang, und hinein in die Schwärze der Nacht, und Grand Mère legte Holz nach ins Feuer, Inge und Magdalena gingen zum Bach, das Geschirr zu waschen, und Waldemar saß bei Grand Mère und schaute, wie die Funken flogen.

„Das ist ein Maître …“, sagte er. „Was macht der hier?“

„Ich weiß nicht“, antwortete Grand Mère, angeregt. „Er wird es uns sagen, eine Geschichte wird es sein, gewiss, wir werden sehen.“

Aslan, der am Feuer geblieben war, schaute skeptisch, sagte aber nichts. Ein Maître, wie seltsam …

Die Frauen kamen vom Bach zurück, das tropfende, kühle Geschirr in den Armen.

„Grausig ist es zur Nacht, im offenen Land“, klagte Gabriele. „Wahrhaftig, die Furcht packt mich, der Graus fährt durch meine Glieder, ich fühle meinen Willen schwach werden, und …“

„Ach was“, sagte Grand Mère herzhaft, „es ist halb so wild, wir sind bei dir, und bei uns ist Vautrin, also kann dir nichts passieren.“

Dagegen war nichts zu sagen.

Auf dem Weg, am Waldrand, knirschte es, der Maître und Roger kamen zurück, der Maître führte sein Tier am Zügel, ein Falbe, vor leichtem Einspänner.

„Oh …“ rief Waldemar begeistert, „schau mal: ein Pferd!“

Roger half, das Tier auszuspannen, es war nervös und schnaubte, das machte das Feuer, und die Nähe der Ochsen, Pferde sind unverträglich. Waldemar stand und schaute, das hellgelbe Fell leuchtete im Feuerschein, wie schön war das Tier, mit großen, glänzenden Augen, und so schlank, so leicht, noch nie hatte Waldemar solch ein Wesen gesehen, die Pferde in den Dörfern waren anders, ganz anders, ruhigen Tritts und schwer, mit kräftigem Leib und stämmigen Beinen, so recht, den Pflug zu ziehen, oder den schweren Heuwagen.

„Das ist ein Reitpferd“, sagte der Maître, der Waldemars Staunen sah. „Wir züchten solche, in Paris, aber es gibt nur wenige. Du darfst es streicheln, später, wenn es ruhiger geworden ist.“ Er pflockte das Tier an, an langem Seil, in gutem Abstand von den Ochsen, und im Lichtschein, so dass er es im Auge behalten konnte. Der Falbe schnaubte und tänzelte und glotzte zum Feuer hinüber; dann aber beruhigte er sich rasch und begann zu grasen.

Der Maître setzte sich aufatmend, und Grand Mère reichte ihm eine hölzerne Schüssel, die sie aus dem erneut brodelnden Kessel gefüllt hatte.

„Gern nehme ich die Gabe eures Herdes an“, sagte der Maître, „denn, bei Vautrin, ich bin hungrig.“

Er aß mit Eifer und Hingabe, und die Kaufleute saßen höflich dabei und sahen ihm zu und redeten nicht, denn ein essender Mensch soll nicht gestört werden. Das Pferd graste derweilen, und das Feuer knackte. Die Ochsen waren fließende Schatten auf der dunklen Weide.

Endlich war der Maître fertig. Er zog ein Taschentuch hervor und wischte sich den Mund – Waldemar staunte, das hatte er noch nie gesehen – , und der Maître schnalzte mit der Zunge und sprach zu Grand Mère: „Rühmenswert sind die Taten deines Feuers, und Lob sei mit euch, dass ihr den Wanderer nährt. –  Nun bin ich gesättigt, und wir können reden.“

Die Kaufleute setzten sich zurecht, Gabriele hielt sich dicht bei Magdalena, sie fühlte die Nacht im Rücken, und der Maître fuhr fort: „Erlaubt, dass ich frage, wohin euch euer Weg führt, es ist mir wichtig zu wissen.“

Aslan antwortete unbestimmt: „Nun, wir sind Kaufleute … unsere Wege führen uns die Kreuz die Quer, wir besuchen die Häusler, handeln …“

Der Maître warf einen Seitenblick auf Gabriele und fragte: „Doch habt ihr für die nächste Zeit ein gewisses Ziel im Auge?“

„Ja“, antwortete Aslan trocken. Dann bedachte er sich und erklärte: „Ein Kind gehen wir aufzusuchen, von dem uns erzählt ward. Wir versprachen, es mit uns zu führen in seine Heimat, die ist in England, und dorthin wollen wir ziehen, so Vautrin uns geleitet.“

„Ein Kind!“ rief der Maître.

„Ja“, erwiderte Aslan, „das Kind, das verwaiste Kind eines toten Maître … Eluard mit Namen …“

„Eluard!“ rief der Maître aus. Das Kind Eluards … es ist hier, in dieser Gegend!?“

„Du kanntest Eluard?“ fragte Aslan, verblüfft. „Du weißt von seinem Kind?“

Der Maître nickte und sagte: „Ich hörte von Eluard … er ist umgekommen, drunten, im Süden, im Gebirge, wir hörten alle davon, eine große Trauer war über uns … und er hinterließ ein Kind, ja, das weiß ich …“

Aslan dachte bei sich, dass der Maître Eluard nicht umgekommen war, sondern an einem Fieber gestorben, das ist ein Unterschied … so wachsen die Geschichten, und werden schöner und runder mit der Zeit, das ist ganz in Ordnung.

Laut sagte er: „Das Kind ist hier, bei Verwandten unserer Schwester Gabriele, die haben es aufgenommen, bis sich einer findet, es weiter mitzunehmen, seiner Heimat zu.“

Der Maître nickte. „Ich verstehe. Und ihr – “

„Ja“, sagte Aslan. „Nach Paris wollen wir, bevor der Schnee kommt, und werden weiterreisen des nächsten Jahres nach England, so Vautrin uns beschützt. Deshalb beschlossen wir, uns des Kindes anzunehmen, dass es seine Heimat sehe.“

„Seltsam sind die Wege und Länder“, sagte der Maître, traurig und halb zu sich selbst. Er schien nachzudenken, starrte blicklos ins Feuer, und die Kaufleute schwiegen. Endlich sagte Roger, zögernd: „Und dein Weg, wohin führt er dich?“

Der Maître verlagerte seine Stellung, dass er halb auf der Erde lag, auf den angewinkelten Arm gestützt, und antwortete: „Einen Mann suche ich, einen Fremden, er ist unterwegs wie ihr, aber nicht, um zu handeln.“ Er sah Aslan an und fuhr fort: „Ist euch irgendwo Kunde geworden, wenn nur vom Hörensagen, vom einem, der umherzieht und eine Geschichte erzählt?“

Aslan schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er, „wir haben nichts gehört, doch berichtete uns schon unsere Schwester Gabriele, dass du suchst nach einem Fremden. Wie war das doch …“ Und er wandte sich fragend an Gabriele.

Gabriele sagte: „Jaja, ich habe es ja erzählt, bei meinen Verwandten erschien ein Fremder, bei denen, die wir morgen aufsuchen, doch hielt er sich auf nur kurz, ich weiß nichts Genaues …“

„Was ist mit dem Fremden?“ fragte Aslan.

„Ich will mit ihm reden“, sagte der Maître, klar und scharf. „Einige Fragen habe ich ihm zu stellen, er wird mir antworten müssen …“

„Was für Fragen?“ platzte Waldemar hinein.

„Schhh“, machte Magdalena lachend. „Was bist du neugierig.“

„Er geht und erzählt eine Geschichte“, erklärte der Maître mürrisch. „Er geht zu den Leuten und erzählt ihnen eine Geschichte.“

„Daran ist nichts Unrechtes …“ sagte Roger.

„Nein“, antwortete der Maître, „aber er geht hin und sagt, seine Geschichte sei wahr“, er machte eine Pause und wiederholte mit Nachdruck: „ … nur seine. Und alle anderen erlogen. Er geht und fordert die Leute auf, ihm anzuhängen. Anhängen sollen sie ihm und sich zu seiner Geschichte bekennen.“

„Sich zu seiner Geschichte bekennen?“ fragte Magdalena ängstlich. „Was soll das bedeuten?“

„Blut und Feuer kann daraus entstehen“, sagte der Maître. „Seit drei Monden folge ich ihm, doch entschlüpft er mir immer wieder. Ich muss ihn finden, endlich finden … er geht seltsame Wege, in den Dörfern ein und aus, doch denke ich, dass er zum Schluss sich zu den großen Städten wenden wird, dort seine Geschichte zu künden. Vorher aber muss ich ihn finden, mit ihm zu reden, denn Blut und Feuer kann daraus entstehen. Vor langer Zeit schon wurden uns Gerüchte von ihm, dann schickten Häusler einen Boten zu uns, und meine Brüder sandten mich aus, dem finsteren Bericht nachzugehen. Lang wird mir die Reise …“

„Was wird geschehen, wenn du ihn gefunden hast?“ fragte Aslan.

„Ich werde mit ihm reden, nur mit ihm reden. Er muss aufhören … er darf seine Geschichte erzählen, aber er muss aufhören, sie einzig wahr zu nennen. Er muss mir schwören bei Vautrin, die Fülle der Geschichten gelten zu lassen … er muss mit mir kommen, dass ich in Frieden mit ihm reden kann.“

„Und wenn ers nicht tut?“ fragte Waldemar.

Der Maître blickte den kleinen Jungen ruhig an.

„Dann wird er brennen“, sagte er kalt.

Er war überhaupt nicht mehr gemütlich.

Waldemar fror. Was meinte der? Dann wird er brennen … was das wohl heißen sollte. Furchtbar war der Klang der Worte.

Die Kaufleute schwiegen und wagten nicht, das Thema weiter zu verfolgen. Aslan legte Holz nach ins Feuer, und die Funken sprühten. Der Maître blickte nachdenklich vor sich hin, dann sagte er: „So habe ich doppelten Grund, euch zu folgen des morgenden Tages: die Verwandten zu befragen dieser Frau, und das Kind zu sehen, das Kind Eluards. Erlaubt, dass ich bei euch bleibe zur Nacht, um euch zu begleiten, sobald die Sonne aufgeht.“

Aslan nickte. „Du bist uns willkommen, versteht sich. Du bist ein Maître, Vautrins Segen ist mit dir.“

Und die anderen nickten zustimmend und blickten ins Feuer und fürchteten sich vor ihrem Gast.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 17.01.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)