Alte Geschichten

Die Erprahlung von den alten Geschichten, denen es auf keinen Fall mehr zu folgen gelte, wurde schon ausgestoßen, da konnte es alte Geschichten noch gar nicht geben, der Jugend der Welt wegen. Nun ist die Sache die, und auch das weiß das Menschtier, die Welt wird niemals alt, da SIE ja in jedem Augenblick neu schafft das ganze All, IHR Universum also ist brandneu in jedem gegebenen Augenblick, auch die Nachrichten von vergangenen Zeiten sind neu in jedem Augenblick. Das Menschtier weiß das und ordnet auch diese gewisse Nachricht ein in die Rubrik „alte Geschichten“. Ihr versteht, das „alt“ in dem Ausdruck „alte Geschichten“ bezieht sich nicht auf die Chronologie, sondern ist eine wegwerfende Gebärde. Ein Abwinken in Verbindung mit einem Schulterzucken. Das Menschtier bildet immerfort sich ein, seine Größe bezeuge sich im Niedermachen. Aber eine Größe, die auf das Niedermachen angewiesen ist, ist keine. Wahrhaft große Personen müssen niemanden niedermachen, haben sie gar nicht nötig. Sie lassen die anderen Wesen gelten. Das Geheimnis des Geltenlassens aber besteht in der abgelenkten Aufmerksamkeit. Geltenlassen bedeutet nicht, alles gutzuheißen. Das wäre ja Unfug, besonders in der menschtierlichen Wirklichkeit. Kein vernünftiges Menschwesen könnte Stiefel Mützen Taschen einfach gutheißen. Das rechte Geltenlassen vielmehr verwirklicht sich in der Abgelenktheit. Das Menschtier, das zuverlässig andere Menschtiere gelten lässt, tut das deshalb, weil es anderweitig beschäftigt ist, und zwar dringend. Welche Beschäftigung könnte das sein, die das Menschtier so zuverlässig vom Niedermachen ablenkt? Zum Beispiel das Hören auf IHRE Stimme. Ein Menschtier, das auf IHRE Stimme hört, wandelt ziemlich konzentriert seines Pfades, wobei aber der bewandelte Pfad ein anderer ist als der, den es mit den anderen wandernden Menschtieren teilt. Die wandernden Menschtiere schreiten dann unter Umständen ziemlich zügig voran, während das nach innen lauschende Menschtier öfter mal stolpert. Wieso kommt der nicht voran? fragen sich die zügig Wandernden. Ist doch bestens gebahnt, der Pfad hier! Das Menschwesen, nach innen lauschend, auf IHRE Stimme lauschend, wandelt aber ganz andere Bahnen. Das gleiche gilt für die Menschwesen, die unter dem undichten Dach des Menschlichen nach den hereinregnenden Wahrheiten haschen. Oder als Bettler Zugang haben zum Allerheiligsten, wo sie, die da ausschenkt, ihnen die schöpfend hingehaltenen Bettlerhände füllt. All diese befinden sich im Zustand gesteigerter, nämlich abgelenkter Aufmerksamkeit, und dieser Zustand befördert mächtig das Geltenlassen. Die geltenlassenden Menschwesen sind die letzten, denen es in den Sinn käme, über die ollen Kamellen zu lästern, die man doch mal ruhen lassen sollte, als moderner Mensch. Wohlgemerkt, auch die Rede vom modernen Menschen, der über die ollen Kamellen nur lachen kann, die gab es schon, sinngemäß jedenfalls, da war die Moderne noch auf Jahrtausende hinaus nicht in Sicht. Als sie kam, die Moderne, rief sie, nichts ist so modern wie die Moderne! wenn ihr euch aber umtut an eurem Arbeitsplatz, werdet ihr feststellen, nichts ist so betagt wie die Moderne.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht 29.12.2021, © Verlag Peter Flamm 2021)