Mythen

… die taten das, weil sie ihren Augenblick der Wahrheit erlebten. Sie taten dabei nicht anders als die Menschtiere, wenn sie immer wieder fasziniert zu einem Artefakt zurückkehren. Über die Herkunft der Artefakte aus dem Reich des Möglichen habe ich schon verstreut gehandelt. Ein Menschtier, unversehens sich angeredet fühlend von einem Artefakt – und stets sind es die Artefakte, die entscheiden, dies Menschwesen sprech ich an, dies nicht, das Menschtier entscheidet da gar nichts – , ein solches Menschtier geht immer wieder hin, um die wunderbare Rede zu hören, benommen vom Druck des Unwahrscheinlichen des Unbegreiflichen, und es versteht die Worte des Artefakts nicht, wohl aber versteht es, dass diese Worte herüberklingen aus der Unbegreiflichkeit, wo Wahrheit selbst sich offenbar macht, und dies Menschtier, fasziniert und unersättlich, ruft bald dem Artefakt zu, nimm mich doch hinüber in deine Welt, in deine Welt der Eigentlichkeit! denn es empfindet gleich das Reich des Möglichen, von wannen es gekommen ist, das Artefakt, kraft seiner höheren Dichtigkeit als das Reich des Eigentlichen. Darin irrt es sich und doch wieder nicht, denn die winzige Blase Wirklichkeit des Menschtiers auf dem Planeten Erde ist ja auch von IHR geschaffen als wirkliche und eigentliche Wirklichkeit, aber das Menschtier fühlt richtig, das Reich des Möglichen ist gewaltig, unauslotbar, drängend, und ein solches Menschtier, verloren vergafft in die Gegenwart eines Artefakts, kommt zu der Überzeugung, das Reich des Möglichen, dies gewaltige Draußen, das sei seine eigentliche Seelenheimat, und niemals mehr kommt es heraus aus der brennenden Sehnsucht nach diesem Draußen.

Den meisten Menschtieren ist die Begegnung mit den meisten Artefakten gar nichts, und das muss auch so sein, denn es sind die Artefakte, die entscheiden: dies Menschwesen sprech ich an, dies nicht. Das Menschwesen hat keinen Grund, traurig zu sein, wenn ein Artefakt nicht zu ihm redet, denn das Menschtier bestimmt nicht die Rede der Artefakte. Aber praktisch allen Menschtieren geschieht doch wenigstens einmal im Leben, dass ein Artefakt sie anredet, und dann wird dies Menschtier des einen gewiss, ohne unbedingt seiner Gewissheit Ausdruck geben zu können, dies Menschtier also fühlt im Innersten seiner Seele, das Artefakt ist Bote aus einer anderen Welt, und da es Bote ist, bezeugt es die Welt, von der es Botschaft gibt. Die Anderwelt da draußen, sie ist also wirklich.

Das Menschtier erfühlt demnach die einfache Wahrheit, das Artefakt, vor dem es steht, ist nur eine zeitliche Erscheinungsform einer höheren Wesenheit da draußen im Reich des Möglichen, und diese Wesenheit hat sich jetzt und hier im Reich des Wirklichen als Roman offenbart, dieselbe Wesenheit vielleicht anderswo als Song, als Statue, als Symphonie als Gedicht, und indem das Menschtier sich dem einen zeitlichen Artefakt anvertraut, wird es mittelbar auch der überzeitlichen Wesenheit gewahr, wird also eines Eindrucks teilhaftig von einem wirklichen Raum da draußen, der ist Heimat, und in dieser Heimat leben Wesen, die reden.

Die Wesenheiten, die sich in der Menschenwelt als Artefakte inkarnieren, sie entscheiden nicht nur selber, zu welchen Menschwesen sie sprechen und zu welchen nicht, sie entscheiden auch, in welcher Form sie heute sich offenbaren an diesem Ort, in welcher Form morgen an einem anderen. Die Inkarnation muss keineswegs in das hinein erfolgen, was das Menschtier mit erhobenem Zeigefinger zum bedeutenden Kunstwerk erklärt. Der Artefakte sind viele, die werden von den Menschtieren, die gar nichts wissen und sich deshalb für Kenner halten, als trivial eingeschätzt, was den Artefakten jedoch egal ist. Sie reden nicht zu den Menschtieren, die sie für trivial erklären, zu anderen aber schon, ganz unvorhersehbar, und dann fühlt ein einfach gestricktes Menschtier von einem banalen Song sich ergriffen bis in die Tiefen seines Wesens hinein. Das auskennerische Menschtier hat die merkwürdige Neigung, gerade jene Artefakte als trivial auszusortieren, die mythenschaffend sind und die ganze Menschheit betören, mit Ausnahme der selbsternannten Auskenner. In den Auskennern reden also genau jene Menschtiere über die Artefakte, die zu ihnen nicht reden. Ex negativo aber muss dann gesagt werden, die geradezu nachtwandlerische Sicherheit, mit der die Auskenner auf die mythenzeugenden Artefakte herabsehen, spricht dafür, dass sie sie erkennen. In einem Winkel ihres verwahrlosten Bewusstseins wissen sie also genau, was Sache ist.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, diese Passage veröffentlicht hier 20.12.2021, © Verlag Peter Flamm 2021)