Nacht

Die Wiesen lagen grau und dämmernd, der Himmel leuchtete blass, im Osten zog schon Schwärze auf. Da und dort blinkten Sterne, Venus, Sirius. Aus den Wiesen stieg der Nebel, weiße Fahnen, langsam, ziehend. Der Bach war gleich eingehüllt, floss hin zu den schwarzen Bäumen, in weißer Erwartung. Das Milchmeer strömte über die Länder, glitt in die Senken, umflutete die Höhen, eröffnete sich den wartenden Stämmen. Wie schwieg der Wald! Wird einer gehen und die Stille fühlen, wird einer schlafen unter der Mooserde, wird einer treiben dahin durch die hohen Schluchten der Nacht, wird einer lauschen, wird einer hören. Der weiße Rauch lag bei dem Gräsergeflecht, besuchte die Wurzeln, umlebte die Halme, Nebel und Bäume, das Abendwesen. Stiller flacher Teich aus Weißheit. Wir schliefen beieinander. Für einen Augenblick. Warten, sagten die Gräser, die Bäume, die Moose, schlafen, das Leben steht still, das Werden, es sinkt in sich selbst zurück, Kühle, Innehalten, Eröffnung. Der Teich der Nacht.

…….

Gabriele lag im Wagen, unter der Plane, die Decke über die Ohren gezogen.

Die Nacht hatte sie geweckt, so oft, furchtbar war es, wie es knackte und rauschte und flüsterte, die anderen schliefen draußen, aber um nichts in der Welt hätte sie sich auf die offene Wiese gelegt, unter die kalten Sterne, schutzlos, haltlos. Die Decke über den Kopf! und ein Auge spähend darunter hervor, in die Dunkelheit, darin der Graus saß und grinste, breiten Krötenmauls, bereit, über sie herzufallen, sich auf ihren Rücken und ihre Schultern zu setzen, mit klammernd glitschigen Armen. Und die Nacht war voll von Geräuschen.

Gegen Morgen war sie endlich eingeschlafen, bleiern und tief, als draußen der bleiche Tag herbeischritt, auf gefiederten Füßen. Da war sie gesunken in die reglose, traumlose Tiefe.

Bald würden die Vögel schlagen.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, diese Ausschnitte veröffentlicht auf dieser Seite 13.12.2021, © Verlag Peter Flamm 2021)