Belästiger

… der Junge, schon alter Mann, half in einem seiner Leben im örtlichen Kindergarten bei der Vorschulerziehung. Machte er. Ich erwähnte ja schon seinen Drang, das Gute zu tun das Richtige zu tun, wiewohl es ihn hart ankam.

Fest im Kindergarten, lampiongeschmückt. Luftballons. Rennende und schreiende Kinder, die Glucken und die Ehrenamtlichen, viel Gemutter. Zu den Obliegenheiten des Jungen gehörte es auch, den kleinen Kindern, die es nötig hatten, die Landessprache näherzubringen. Waren bereits viele Zuwanderer im Land, denen sollte geholfen werden, ob die es immer wollten oder nicht. Die Zuwanderereltern auch beim Fest, immer ein bisschen abseits. Wenn es Verständigungsschwierigkeiten gab, wurde der Junge gerufen, er hatte ein gewisses Talent, in jeder Sprache mit Händen und Füßen zu reden.

Früher Sommer, blauer Himmel. Garten und Weiden, spielende Kinder. War schön, war heiter, war eine jener Stunden, da hätte der Junge sagen können, nun, wie auch immer, das Leben hat seine guten Seiten.

Für ihn galt das in diesem Fall besonders, denn für die Zuwanderer war er einer von den Ansässigen, sie bemerkten niemals sein Außenseitertum, das tat ihm gut.

Dann geschah Rumor und Umtrieb, irgendwo weinte ein kleines Mädchen, keine Sache, im Kindergarten weint immer irgendwo ein Kind, der Junge hatte niemals geweint, aber das ist eine andere Geschichte.

Nein, die Zuwanderer waren nicht betroffen. Der Junge ward trotzdem hinzugerufen, er war der einzige ältere Mann auf dem Platz, Lebenserfahrung war gefragt, und der Junge war Chef der örtlichen Post gewesen. Autoritätsperson.

Erregtes Gemutter saß beisammen, ihrer acht, gerötete Köpfe, die eine oder andere Mutter den Tränen nahe.

Was ist denn passiert? fragte der Junge und nahm Platz, nicht ohne sich zuvor ein Stück des guten selbstgebackenen Käsekuchens gesichert zu haben, Käsekuchen gehörte zu den Dingen, die jede Situation ein wenig erträglicher machten.

Es stellte sich heraus, da war dieser kleine Junge (der Junge nahm innerlich sogleich Partei). Hatte abseits gesessen, man hatte ihn herbeigewinkt, sich doch den anderen zuzugesellen, hatte ihm einen Teller voll Gebäck in die Hand gedrückt, und er hatte gegessen, aber keinen Kontakt gefunden, er konnte sich in das Gelärm und Gerenne der anderen Kinder nicht einklinken, er war irgendwie umständlich, er mochte nicht mitspielen, nicht, bevor er sich nicht erklärt hatte. Kam dem Jungen bekannt vor.

Auf einer anderen Bank saß, in ihrem hellen Kleidchen, ein sehr sauberes Mädchenkind. Aß manierlich und niedlich von ihrem Teller und sah mit etwas gesenktem Kopf den anderen Kindern beim Spielen zu. Der abseits sitzende kleine Junge fasste sie ins Auge, sah sie eine Weile an, stand dann auf, kam herüber, setzte sich zu ihr. Fing an, mit ihr zu reden. Beide Kinder im Vorschulalter, keine sechs Jahre also.

Ja, und? fragte der Junge stirnrunzelnd.

Frauenüblich erhob sich ungebremster Zetersturm, alle redeten gleichzeitig. Er will aber doch bloß ein bisschen Kontakt herstellen! rief die eine Mutter, Mutter des kleinen Jungen, darf man vermuten.

Ja, aber das Kind muss doch lernen, dass es sich nicht einfach so aufdrängen kann! Man muss doch auch Zurückhaltung üben!

Dem Jungen fiel die Kinnlade herunter. Es stellte sich heraus, das kleine Mädchen in dem hellen Kleid, übrigens ein hübsches Mädchen, aber sonderbar verschlossen, war weinend zu seiner Mutter gekommen. Der will immer mit mir reden! hatte es sich beklagt. Ich will das aber nicht.

Da sitzt also ein kleines Mädchen und isst seinen Kuchen, fasste der Junge zusammen (und konnte nur schwer seinen Sarkasmus im Zaum halten), und da kommt dieser kleine Junge und setzt sich einfach dazu. Einfach so. Was tut das sozial kompetente kleine Mädchen? Es lächelt freundlich und sagt, ich heiße Soundso, und wer bist du? und dann ergibt sich ein Gespräch, und ob man sich verträgt, wird sich zeigen.

Proteststurm. Aber das geht doch nicht! rief das Mädchengemutter. Man muss doch das Kind schützen! vor unerwünschter Belästigung!

Also bitte, riefen andere Mütter. Belästigung? Die sind beide fünf!

Man muss eben rechtzeitig eingreifen, wusste es heraus aus dem Mädchengemutter. Rechtzeitig einwirken. Dem kleinen Jungen klarmachen, dass das so nicht geht.

Kommt darauf an, worauf man hinauswill, sagte der Junge, dem der Käsekuchen deutlich wichtiger war als diese Idiotendiskussion. Entweder sagt man, man muss eingreifen und das kleine Mädchen schützen, oder man sagt: besser bringen wir dem kleinen Mädchen bei, wie es mit Leuten umgeht, die es erst mal nicht so mag. Erst mal, kann sich ja noch ändern. Wie geht das sozial kompetente Kind mit Kindern um, die es erst mal nicht so gut leiden mag? Auf jeden Fall höflich und zurückhaltend. Hat das kleine Mädchen das Recht, ein anderes Kind zu beleidigen und zurückzuweisen, nur weil ihm die Nase nicht gefällt? Ein Erwachsener muss jeden Tag mit Menschen reden, deren Nasen ihm nicht gefallen, und er muss dabei höflich und zurückhaltend bleiben. Ist da irgendwo ein Recht in Sicht, verletzend zu werden, nur weil sich mir einer nähert, den ich gerade nicht so prickelnd finde? Doch wohl nicht. Schonendes und allseits gesichtswahrendes Auftreten ist nie ein Fehler. Wir können die Kinder entweder voreinander schützen, oder ihnen beibringen, wie sie vernünftig miteinander umgehen. Wir können sie entweder zu umgänglichen und sozial kompetenten Erwachsenen heranziehen, oder zu einem Rudel Soziopathen, die nichts gelernt haben, als einander wegzubeißen, und sich dabei auch noch im Recht zu fühlen.

Die letzteren Worte waren mal wieder die paar entscheidenden Worte zu viel, die dem Jungen immer herausrutschten. Er hatte noch hinzufügen wollen: Wenn wir schon Fünfjährige zu Belästigern erklären, nur weil sie versucht haben, ein anderes Kind anzusprechen, ziehen wir Rudel von gestörten Angstbeißern heran, aber keine Menschen, die mit sich und anderen geübt zurechtkommen – doch konnte er gerade eben noch Luft holen, da explodierte schon ringsum das Wutgemutter, oder die Gemutterwut, wie rum ihr wollt.

Zeter! Sturm! Entrüstung!

Hinterher kam eine Mutter zu dem Jungen und bedankte sich für seine Worte. Genauso sehe ich das auch, versicherte sie, und der Junge dachte: Warum hast du dich dann nicht geäußert? sagte es aber nicht laut.

Die paar entscheidenden Worte zu viel, die ihm stets herauszurutschen pflegten, artikulierten nicht selten eine Minderheitenmeinung, die nicht mehr laut zu werden wagte. Man versicherte sich zu dieser Zeit gegenseitig, in einer offenen und pluralen Gesellschaft zu leben, und quittierte abweichende Meinungen abweichendes Verhalten nach wie vor mit sofortigem Zuschlagen. Nein, Zuschlagen nicht mehr mit der flachen Hand ins Gesicht. Man hatte die subtile Kunst erlernt, mit dem Nagelstiefel in Gesichter zu treten, ohne Spuren zu hinterlassen. Man fühlte sich gut dabei. Man promovierte fünfjährige kleine Jungen zu Belästigern und klopfte sich gegenseitig auf die Schultern. Jetzt bauen wir eine neue Welt! Angstfrei! Solidarisch! Gemeinsam!

(Aus einem unveröffentlichten Manuskript Peter von Mundenheims, dieser Ausschnitt veröffentlicht 01.12.2021, © Verlag Peter Flamm 2021)