Nackt

… das Muster schwoll in den Weibchengenerationen, der Junge, erwachsen geworden, sah um sich herum die Fülle der Frauen, die schlechthin groß waren. Groß, ohne ihre Größe bezeugen zu müssen. Wütend, weil sie eben doch tun und machen mussten, weil das Menschenlos ist, auf dem Planeten Erde. Aber es gab Wege, das Machen und Tun zu umgehen, groß zu sein einfach „so“.

Belästigung! Sexuelle Belästigung!

Im Alter des Jungen waren sie überall, die Frauen, die in ihrem Belästigtsein von den Männern ihre Größe erkannten.

Ich bin grandios! Ich muss gar nichts tun. Ich muss einfach nur nackt rumlaufen. Und dann kommen sie, ganz von selber, und belästigen mich. Und dann schreib ich ein Buch drüber, wie ich belästigt worden bin. Die Tragik! Und dann bin ich berühmt. Und schreib denen ins Stammbuch, wie meine Nacktheit natürlich ironisch gewesen sei. Entlarvende Nacktheit! Ironische Nacktheit, allen zeigend, nur so können wir Frauen was gelten. Und natürlich kam dann einer und hat die Ironie nicht verstanden hat die Ironie nicht verstehen wollen, das Schwein, und hat sich bedient, als ich ganz unschuldig um drei Uhr morgens nackt in seinem Hotelzimmer war, natürlich ironisch nackt, aber das verstehen die Mannsäue ja nicht, und dann bin ich vergewaltigt worden, ich konnte mich gar nicht wehren, ich war fassungslos, ich war wie gelähmt. Und ja, dreißig Jahre hab ich geschwiegen, aus Scham aus Angst. Aber jetzt muss das raus. Bestraft werden muss das Vergewaltigerschwein.

Es würde nicht mehr die infantile Phantasie der Gestörten sein. Es würde funktionieren.

Frauen würden so nackt herumlaufen wie nur möglich. Es würde verboten sein, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Wenn man mit ihnen abends beisammensaß und redete, wenn man ihnen zusah, wie sie auf einer Bühne herumhüpften und sangen, wenn man ihnen auf der Straße über den Weg lief – würde über alles zu reden erlaubt sein, nur nicht darüber, dass sie nackt waren. Diese Belästiger! immer reden sie über die Körper von uns Frauen! Über unser Aussehen! Immer! Die Unterdrückung!

Die Belästigung war die unentrinnbare Schuld der Männer, und gleichzeitig die erwünschte Bezeugung der Größe. So begehren die uns, die Schweine! Können sich einfach nicht beherrschen! Können die Finger nicht von uns lassen! Ihre schmutzigen Finger! Die sollen uns begehren, und dann wollen wir sie dafür bestrafen!

Die sollen uns beachten! Und wir fühlen uns belästigt, wenn die uns beachten!

Lange vor Lebzeiten des Jungen, Jahrhunderte vorher, hatten sich die Menschtiere darin gefallen, ihr Zusammenleben zu organisieren nach strenger Trennung der Stände und Schichten. Immer hatte es eine winzige Kaste von Herrschenden und Besitzenden gegeben, hoch schwebend über allen anderen, gekleidet in helle Stoffe, spitzengeschmückt, getragen von edlen Pferden und rasselnden Kutschen. Aristokraten. Wenn ein solches Edelwesen durch eine Straße glitt, ward es Zentrum allen Aufmerkens, ein jeder schaute und gaffte, das Edelwesen aber hielt die Nase hoch und sah an niemanden, merkte gar nichts von dem Aufsehen, das es erregte.

Solcherart Aristokratin zu sein, fühlten zahllose Weibchen im Alter des Jungen ihren berechtigten und natürlichen Anspruch.

Anspruch, beachtet zu werden, und nichts davon zu bemerken.

Das war der Kern des Belästigungsgedankens. Hätte sich zu Zeiten der reitenden Aristokraten ein Straßenkehrer dem Edelwesen in den Weg gestellt, dessen Aufmerksamkeit zu erzwingen, wäre der Büttel gekommen, mit dem Knüppel. Da der Junge alt wurde, wollten die Weibchen alle Aufmerksamkeit, ohne ihrerseits irgendjemanden beachten zu müssen. Kam es einem Männchen bei, die verweigerte Beachtung seinerseits von einem Weibchen erzwingen zu wollen, so war der Tatbestand erfüllt. Belästigung!

Das war die neue Regel. Männer sind Belästiger, weil sie die Aufmerksamkeit der Weibchen wollen.

Manche Männchen, die simpler gestrickten zumal, wurden störrisch. Die wollen unsere Aufmerksamkeit, riefen sie, da hab ich doch wohl auch mal ein Recht auf einen Blick. Die wollen doch, dass wir sie angucken, oder warum laufen die sonst nackt durch die Straße?

Aber der Müllkutscher erzwingt nun einmal nicht die Aufmerksamkeit des Aristokraten, oder er bekommt Schläge.

So malte sich die Sache im Weibchenhirn, unter dem Einfluss des Musters: Wir Frauen sind edle Aristokraten, und die Männer sind Straßenkehrer.

Sie hielten das für rechte Erkenntnis, in der die Welt endlich, nach Jahrtausenden der Falschheit, zu ihrer Richtigkeit gekommen sei. Aber es war nur der Sudel, der schon die Hirne der Grimmvettel und der Pferdeschnauzigen durchspült hatte. Nichts Besonderes, nichts Neues.

In Parenthese lasst mich hinzufügen: rückblickend auf die verwehte Zeit der alten Aristokraten redete das Menschtier gern von der „Unterdrückung“. Das war der Einfluss der Mützendenke, und wie alle Mützendenke platter Strunz. Die Menge der Aristokraten war winzig, die Masse der gemeinen Menschen riesig. Die Aristokraten hätten die gewöhnlichen Leute nicht gegen deren Willen unter dem Daumen halten können. Die alten Gesellschaften waren Konsensgesellschaften, jeder machte mit, jeder stimmte zu, zähneknirschend zuweilen, aber zugestimmt wurde, und solange zugestimmt wurde, bestanden diese Gesellschaften, und wenn es aus war mit der Zustimmung, gingen sie unter, unweigerlich. Solange der Konsens galt, konnte der Straßenkehrer, einem Aristokraten gegenüber frech geworden, deshalb von den Bütteln verprügelt werden, weil die anderen Straßenkehrer mit hängenden Armen dabeistanden und zuschauten. Anders konnte das gar nicht funktionieren, auf einen Aristokraten kamen zehntausend Straßenkehrer und Müllmänner und Pferdeknechte, die akklamierten alle bewundernd, wenn der Aristokrat vorüberritt, und mit dem einen, der vielleicht auszuspucken wagte, war dann leicht fertigzuwerden.

So funktionieren die Ordnungen unter den Menschtieren, und so funktionierte auch diese Sache mit der Belästigung, im Alter des Jungen. Die Weibchen wollten Beachtung, wollten alle Beachtung der Welt, die Weibchen wollten kosmosmittig sein, und wenn ein dummes Männchen seinerseits versuchte, die Beachtung eines Weibchens zu erzwingen, wurde es als Belästiger bestraft, indes alle anderen Männchen mit geduckten Köpfen dabeistanden und keinen Finger regten.

Wie ich sagte, den Weibchen ging es längst nicht mehr um Gleichberechtigung, auch wenn sie das behaupteten. Es ging ihnen um die Macht, und nicht zuletzt um die Macht, die Regeln zu setzen und jederzeit nach Belieben die Regeln zu ändern. Für uns gelten ganz andere Regeln als für die Kerle, sagten sie, denn wir sind grandios. Wenn die Kerle nicht zugeben wollen, dass für uns andere Regeln gelten als für sie, dann ist das Unterdrückung! Immer wieder diese Unterdrückung. Wir wollen alles, und zwar sofort! Alles! Und das Gegenteil auch.

Es war eine Wohlstandssache. Das eingeforderte Recht der Weibchen, von den Männern beachtet berücksichtigt respektiert zu werden, bei gleichzeitiger Weigerung, ihrerseits die Männer beachten berücksichtigen respektieren zu müssen, funktionierte nur in den wohlhabenden Gesellschaften. In den Schulen der wohlhabenden Gesellschaften kam es dahin, dass die Mädchen umwabert wurden und umwallt von kniefälliger Begeisterung, von Förderung allerecken und allerenden, indes die Jungen abgetan wurden als lästiger Dreck, der froh sein durfte, dass man ihm überhaupt noch anwesend zu sein verstattete, wenn auch widerwillig. In den armen Gesellschaften des Planeten mussten die Weibchen bitter schuften, um zu leben und zu überleben. In den reichen Gesellschaften waren auch nicht alle reich, aber dort machten die Drecksarbeit die Männer. Wie in den alten Zeiten gafften die Straßenkehrer und die Müllwerker, wenn die Aristokratin kam, und die Straßenkehrer und die Müllwerker waren alle Männer. In den neuen Zeiten trug die Aristokratin kein Spitzenjabot, sondern so viel nackte Haut wie möglich, und der Junge gab zu, das rosige Leuchten unter den Scheinwerfern der Aufmerksamkeit war gar niedlich anzusehen.

Aber ja nicht darüber reden! Belästigung!

Zu hören, dass die Menschweibchen ihre nackte Haut schon immer zu Markte getragen hatten, wird euch nicht mehr überraschen. Sie hatten ihre Gefälligkeiten schon immer verkauft, an Männer, die die Macht hatten, ihnen Gegenwert zu bieten. Ware gegen Geld, Ware gegen Aufstieg und Vorankommen. Neu war, dass die Verkäuferinnen, zuweilen Jahrzehnte später, über die Käufer kamen und riefen, ich hab damals ja gar nichts verkaufen wollen! ahnungslos bin ich meines Weges gekommen! und der hat sich die Ware einfach genommen! obwohl ich die doch gar nicht hergeben wollte!

Nicht hergeben wollte um drei Uhr morgens im Hotelzimmer des Käufers, ahnungslos war da die Verkäuferin ihres Weges gekommen, zufällig, einfach so, nichts Böses denkend, im Hotelzimmer des Käufers um drei Uhr morgens, ahnungslos war sie plötzlich nackt gewesen, und sie konnte sich hinterher gar nicht erklären, wie es dazu gekommen war, dass sie plötzlich nackt gewesen war, und dann war sie nackt zum Käufer ins Planschbecken gestiegen, denn ein Planschbecken hatte man jetzt im Hotelzimmer, so was konnte man sich leisten unter wohlhabenden Käufern, und sie wusste auch nicht, die Verkäuferin, wie sie plötzlich nackt ins Planschbecken gekommen war, sie war auf einmal drin im Becken, einfach so, und dann, ja dann hatte sich der Käufer die Ware genommen, von der ahnungslosen Verkäuferin, die doch gar keine sein wollte, nein, ich habe mich nicht gewehrt, das konnte ich ja gar nicht, ich konnte auch nicht weglaufen, wie gelähmt war ich vor Angst! und zwanzig Jahre lang dreißig Jahre lang litt sie still und schweigend unter dem Trauma, die Verkäuferin, bis es endlich raus musste, einfach raus, sie hielt es nicht länger aus, und der Käufer, Greis mittlerweile, landete vor dem Hochgericht der Öffentlichen Meinung, vor den Mündungen der ausgestreckten Zeigefinger, und die Zeigefinger waren Ankläger und Richter und Scharfrichter in einem, und alles Mitleid und alles Wohlwollen und alles innige Verständnis war gerichtet auf die kosmosmittige Tragik der Verkäuferin, der ihre Ware abgerungen worden war, wiewohl sie doch gar nicht an Verkauf gedacht hatte, damals im Hotelzimmer des Käufers, um drei Uhr morgens, nackt im Planschbecken!

Zum Verhängnis gerät dabei dem Käufer, zum Vorteil der – willigen oder unwilligen – Verkäuferin, dass der ganze Vorgang bequem sich an eine Faustregel anschmiegt, als welche lautet: Männer machen sich gern geltend mit dem, was sie geleistet, Frauen mit dem, was sie gelitten haben.

Mit der Wahrheit nehmen es dabei beide Geschlechter nicht so genau.

(Ausschnitt aus einem unveröffentlichten Text Peter von Mundenheims, auf dieser Seite veröffentlicht 07.11.2021, © Verlag Peter Flamm 2021)