Das Gegrins

… der Junge sah die Aufmarschstraßen, er wusste mit dem Frühesten, dass er sich verbergen müsse. Das Gegrins war ja überall, es grundierte nicht nur die Heeresstraßen des Hocherleuchts, es schwebte frei in allen Lüften, die Teigfassaden hatten sich längst verabschiedet, da hing das Gegrins noch immer in den Ästen der verstorbenen Bäume. Der Junge begriff, dies ist eine Welt, in der die Leichen das Sagen haben. Die grinsenden Leichen. Er hatte Angst. Er wurde niemals schlau, aber eine gewisse Klugheit mahnte ihn, er begriff erst später, wessen Stimme ihm da flüsternd zuredete, wessen weiße Stimme, IHRE Stimme.

Wiewohl er seiner Naivität niemals Herr wurde, in keinem seiner Leben, verstand er doch, über gewisse Dinge eisern zu schweigen. Über SIE. Über SIE schweige zuerst, flüsterte das warnende Stimmchen in seiner Herzgrube. Über den Unnachahmlichen. Über die Sylphide. Über den Glanz hinter den Horizonten.

Du musst Vertrauen haben! versicherte das Geander, und hinter den Schnauzen sah der Junge schaukeln das körperlose Grinsen in den Winterästen, und wenn er zu Boden blickte, sah er, das Geander stand nicht auf natürlichem Grund, das Geander stand auf befestigter Marschstraße, und die Trasse lagerte auf verbackenem Gegrins.

Sie grinsten über alles. Und der Junge wusste, was immer mir kostbar ist und gut, was immer mir wertvoll ist, was immer mir heilig ist: sie werden darüber grinsen. Sie werden mich einladen, doch darüber zu reden, sie werden mich herausfordern, aber so offenbare dich doch, du Junge, sonst wissen wir ja gar nicht, was in dir vor sich geht: und wäre ich so dumm und offenbarte mich, würde anheben das Grinsen.

Lodern würden die grinsenden Blicke, lodern im Triumph, jetzt! jetzt haben wir den soweit, den Arsch den Doofen den Blöden, jetzt lässt ers raus, so blöd kann auch nur der sein, jetzt haben wir was in der Hand gegen den, Beweis gegen den, hat der selber beigebracht, hat der uns selber in die Hand gegeben, das Beweismaterial!

Und die fetzenden Triumphblicke würden, noch während der Junge redete in der Dummheit seines Vertrauens, flitzend über die Schulter gehen, nach dem Verback des Geanders, wo seid ihr denn alle, kommt her, ihr müsst das unbedingt hören, was der da rausgelassen hat, der Arsch, ihr lacht euch krumm ihr lacht euch scheckig!

Schweige, mein Kind, sagte die Vorsicht, schweige über alles, was dir wichtig ist, schweige über alles, was dir heilig ist.

Und über seine Aufmarschstraßen aus Gegrins schritt das grinsende Geander von Sieg zu Sieg, und das körperlose Grinsen hing in den Ästen aller Erstorbenheiten, so sahen die geistigen Landschaften aus zu Lebzeiten des Jungen.

(Das schrieb Peter von Mundenheim in einem unveröffentlichten Manuskript. Dieser Ausschnitt wurde veröffentlicht 06.11.2021, © Verlag Peter Flamm 2021)