Das Geangste

Das Ekelhafteste an der Pandemie war und ist dieser Gestank der Angst, der durch die Straßen wolkt. Wie erwachsen sind wir eigentlich? Für wie kostbar halten wir uns eigentlich, dass wir solche Angst um die eigene Haut haben?

Unter uns sind Zuwanderer in großer Zahl, die sind ins Land gekommen, sich hier ein Leben aufzubauen, für sich und ihre Kinder, und sie sollten uns willkommen sein. Sie sind sich für keine Arbeit zu schade, sie sind für Amazon zum Mindestlohn unterwegs, um die gute Ware auszufahren, bis direkt vor unsere Haustür.

Oder sie führen dem Aldi die Ware zu, in der kalten Frühe, während wir anderen uns noch an der Matratze festhalten.

Von der Wiege bis zur Bahre
     begleite uns, oh Aldi-Ware.

Ist euch auch aufgefallen, dass diese Zuwanderer am wenigsten Angst haben vor dem Virus? Denen geht es um ihre Zukunft, die gehen raus und stellen sich der Sache, die schmeißen sich rein in ihre Aufgaben, die halten die Knochen hin. Wir winseln derweilen und verstecken uns hinter unseren Vorhängen, und wenn wir raus auf die Straße gehen, klemmen wir uns den Maulkorb vor.

Dann sind wir aber mächtig, mit dem Maulkorb vor der Nase! Viele laufen aufrecht, herausfordernd, Blicke schleudernd, und der Maulkorb vor der Nase ist schwarz, schwarz wie das Schwarz vom schwarzen Block. Schwarz ist viril! Kennt man aus der Kondom-Werbung. Kondom im Gesicht, die ganze Gestalt eine einzige erekte Schwanzung, so viril ist der Kerl, dass er das Kondom im Gesicht tragen muss, er würde sonst, wo er geht und steht, sein Ejakulat entspucken.

Das besteht woraus? Aus quellwarmen Schwällen von Angst.

Angst.

Wie würdelos ist das denn?

Wir laufen im Ernst in der Weltgeschichte herum und scheißen uns dreimal täglich in die Hose. Oh die Besorgnis! Um unsere kostbare Existenz!

Macht doch mal die Probe. Fragt euch selber: Wie viele Leute kenne ich persönlich, die an dem Virus gestorben sind? Wie viele meiner persönlichen Bekannten sind gestorben, wie viele meiner Familienmitglieder?

Und wenn ihr euch diese Frage ehrlich beantwortet habt, nämlich: ich kenne niemanden, dann fragt mal weiter, von wie vielen Personen habe ich zuverlässig wenigstens gehört, dass sie gestorben sind an dem Virus, auch wenn ich sie nicht persönlich gekannt habe, von wie vielen solcher Personen weiß ich wenigstens vom Hörensagen? Da wird der eine oder andere versichern, ja, da hab ich was gehört, aber ganz sicher bin ich nicht. Hat der, der von der Sache erzählte, den betreffenden Verstorbenen tatsächlich in Person gekannt, oder hat er von der Sache nur in der Glotze gehört, oder hat er, was die wahrscheinlichste Sache ist, einfach nur herumgeprahlt und erfunden, was gerade gut und wichtig klang?

Denn das ist ja das Bedürfnis der Vielen, wichtig zu sein inmitten der Pandemie, die Pandemie ist wichtig, und ich mittendrin, ich bin der Allerwichtigste, wir alle sind betroffen, aber ich bin persönlich betroffen, deshalb trag ich ja auch einen schwarzen Maulkorb im Gesicht, oh über meine Betroffenheit, oh über meine Wichtigkeit!

Ihr macht das auch, ja? Ihr hängt jeden Abend vor der Glotze, ihr fiebert dem Gongschlag entgegen, und könnt es gar nicht erwarten, dass euch die neuesten Schreckensnachrichten serviert werden? Damit euch eure Wichtigkeit bestätigt wird? Damit euch bestätigt wird, wie bedroht ihr seid, ihr ganz persönlich, in eurer Wichtigkeit? Habt ihr gar keinen Begriff davon, wie lächerlich ihr seid, wie würdelos, wie unehrlich, mit eurem haltlosen Herumgeangste, eurer Flennerei um eure kostbare Haut, eurer schnatternden Hysterie, eurer Gemeinsamlerei, eurem Gewichtige?

Wie sieht es aus mit dem Geangste, das über die Glotze verbreitet wird? Wie ich jetzt schon mehrfach sagte, ich hab da keine persönlichen Erfahrungen, ich schalte seit Jahr und Tag die Glotze nicht mehr ein. Aber das ist mir zuverlässig erzählt worden: wenns gongt, wenn also die Tagesschau beginnt oder was es da sonst an Propagandasendungen gibt, dann ist der erste Aufschrei, was gibt‘s Neues von Covid. Die neuesten Zahlen! Schnauzen werden auf den Bildschirm geholt, die haben die Zeit ihres Lebens. Virologen! Die hätten ein bescheidenes Leben gefristet ohne die Pandemie, in ihren Labors vor sich hin geforscht, jetzt sind sie nationale Berühmtheiten, jedes Kind kennt die Gesichter, diese verantwortungslosen Halunkenschnauzen, und wo nur eine Kamera sich aufbaut, diese Gestalten rennen und halten ihre Gesichter hinein und wissen selig, ich werd gesehen, meine Bedeutung! meine Wichtigkeit! mein KaBumm! Ich! Grandios! Das ist alles ganz Ich!

Und ihr seht das also, ihr seht, dass mit dem Gongschlag die schreiende Klater da in der Glotze fetzend und faselnd die neuesten Nachrichten bringt über Covid, und ihr wisst: Wichtig das, von herausragender Wichtigkeit.

Woher wisst ihr das? Woher wisst ihr, dass das wichtig ist? Nun, weil die Glotze die Nachrichten über das Virus eben an erster Stelle bringt. Daher wisst ihr das. Das ist das Ding, nun wisst ihr, darum geht es. Hätte die Glotze die Nachrichten über die Pandemie vom ersten Tag an dort untergebracht, wo sie hingehören, nämlich an letzter Stelle, unmittelbar vor dem Wetterbericht, hättet ihr dann auch vor dem grölenden Kasten gesessen und euch auf die Schenkel geklopft und gebrüllt: Wichtig! Wichtig! Hier geht’s um mich, und ich bin betroffen, denn ich bin wichtig!?

Hätten die Regierungen sich überschlagen mit Maßnahmen, hätten die Politclowns, hätten die selbsternannten Experten sich nach jeder Kamera gedrängt, wenn sie von vornherein gewusst hätten, sie erscheinen bestenfalls vor dem Wort zum Sonntag, wahrscheinlich aber überhaupt nicht?

Hätten sie?

Ihr wisst die Antwort selber.

Aber ihr wollt euer Geangste ja, ihr wollt ja rausgehen und euch in die Hosen scheißen. Ihr wollt euch ja gegenseitig hinterherrufen, in kuhstaller Wärme: Bleiben Sie gesund!

Ihr wollt das alles ja, ihr wollt die neue Unmündigkeit.

Denn ihr wollt eure Wichtigkeit.

(Das schrieb Peter Flamm für diese Seite am 19.10.2021, © Verlag Peter Flamm 2021)