Demokratie an der Nadel

Zugegeben, PvM hat mich gewarnt. Fang das nicht an, hat er gesagt, und kein Zweifel, er hat recht. Aber warum?

Es gibt gute Gründe, sich in anhängige und angängige Diskussionen nicht einzumischen, denn die Einmischung macht abhängig. Andererseits gibt es Leute, die sagen, die Demokratie lebt von der Einmischung. Wenn sich niemand mehr einmischt, dann haben die Bevormunder freies Feld.

Guter Punkt. Was die derzeit durch die Lande peitschende Massenhysterie anbelangt, so ist die Demokratie erst einmal abgeschaltet. Wird sie sich so leicht wieder hochfahren lassen? Die Menge der Menschwesen, die mit der Abschaltung ganz zufrieden sind, ist erschreckend groß. Und es handelt sich nicht nur um die Bevormunder und die Machthaber, die es in vollen Zügen genießen, endlich mal so richtig mit Maßnahmen um sich werfen zu können. Da laufen Politexistenzen herum, die würden nahtlos in eine braune Uniform passen, die stünde ihnen wie maßgeschneidert, maßgeschneidert für die Maßnahmenexistenz. Aber diese Figuren sind nicht einmal das, was mich beunruhigt. Beunruhigend sind die vielen Untertanen, die geduckt durch die Straßen schieben und die Maßnahmen willkommen heißen. Als hätten sie ihr Leben lang nur darauf gewartet, dass endlich der starke Mann kommt – oder die starke Frau, so weit sind wir ja schon – und ihnen genau den Weg zeigt.

Demokratie lebt davon, dass die Menschen rausgehen und sich der Sache stellen.

Demokratie lebt davon, dass die Menschen rausgehen und ihre Dinge selber regeln.

Demokratie lebt davon, dass die Menschen rausgehen und auf ihre eigenen Erfahrungen vertrauen.

Das Rausgehen ist ja schon mal erfolgreich unterbunden worden. Ausgangssperre, und wenn du trotzdem vor die Tür gegangen bist, hast du es riskiert, dass die lieben Nachbarn hinter dem Vorhang dich beobachtet haben und gleich mal die Polizei verständigt. Aha, Demokratie! Hat das was mit Demokratie zu tun, dass du kein Geschäft mehr betreten kannst, keine Bibliothek, keine Behörde, ohne von Bewachern in schwarzen Uniformen genau beobachtet zu werden? Es gibt Personen, die verkünden öffentlich, ich bin froh, dass jetzt überall diese Wachleute sind. Da fühl ich mich geborgen.

Bibliothek, das war das Stichwort.

Ich hab viel mit öffentlichen Bibliotheken zu tun, zum Teil, weil ich gern hingehe, zum Teil auch aus beruflichen Gründen. Eindringliches Heischen versicherte mir, da kommst du jetzt nur noch rein, wenn du entweder geimpft bist, oder wenn du dich hast tagesfrisch testen lassen, oder wenn du die Erkrankung schon hinter dir hast.

Letzteres wäre mir sympathisch, aber irgendwie wollte und wollte es mir trotz aller Sorglosigkeit nicht gelingen, mich irgendwo anzustecken, wiewohl doch das Virus überall lauert, heimtückisch wie es ist.

Gestalten hab ich gesehen auf offener Straße, die trugen nicht etwa den Maulkorb vor der Nase, sondern gleich ein rundum geschlossenes Plastikvisier, das ließ sich hoch und runter klappen, wie das Visier einer alten Ritterrüstung, oder das Visier eines Schweißers, oder das Visier eines Polizisten bei der eskalierenden Demo. Solche Angst hatten die. Maulkorb genügte denen nicht. Schutz! Schutz! ich muss mich vor euch schützen! schrie jede Bewegung dieser Gestalten.

Gestalten habe ich gesehen, den Maulkorb vor der Nase, allein in ihrem Auto sitzend. Nun ja, man kann ja nicht wissen, ob man nicht plötzlich unversehens halten und aussteigen muss, und dann muss man doch geschützt sein!

Lasst euch doch auf den Mond schießen, wenn ihr solche Angst habt vor dem Rest der Welt.

Also, mit der Ansteckung war das nichts. Das Testen ist eine Qual. Ich hab das ein oder zwei Mal über mich ergehen lassen, da stand ein Pummelchen in weißem Kittel und mit bandagiertem Kopf hinter dem Tresen und fuhr mir mit einem Stäbchen tief tief tief und immer noch tiefer erst ins eine Nasenloch bis ins Gehirn hoch, dann ins andere, dann noch in den Rachen bis hinunter in den Mastdarm, und das Stäbchen hatte einen Wattetupfer am Ende, und mit diesem Tupfer bohrte und drehte und schob das Pummelchen in den benannten Körperöffnungen mit einer Hingabe und Ausdauer, dass ich mich zu fragen begann, woran die Kleine wohl gerade dachte, und warum sie sich gerade diesen Beruf ausgewählt hatte.

Eindringen in fremde Körper! Wehrlos stehen die da, die fremden Körper, und müssen sich aufmachen, und dann in die eindringen! Der Genuss!

Das fiel also als Dauerlösung auch flach, blieb nur noch die Impfung.

Ihr versteht, die Machthaber versicherten ohne Unterlass, die Impfung sei freiwillig. Niemand muss das! wurde erzählt, das hab sogar ich mitbekommen, wiewohl ich, ich erwähnte das schon, die Glotze hartnäckig ausgeschaltet lasse.

Natürlich, freiwillig. Aber leider, wenn du ungeimpft bist und auch keinen Test vorlegen kannst oder einen Nachweis, dass du die Sache schon hinter dir hast – dann kommst du halt in öffentliche Gebäude nicht mehr rein. Deine Sache, alles freiwillig, deine Entscheidung.

Ja, guck nicht so! Wir müssen uns vor dir schützen! Vor deiner Verantwortungslosigkeit!

Das war und bleibt die Botschaft. Alles ist freiwillig, aber die Wahrnehmung dieser Entscheidungsfreiheit bekommt einen Stempel, und auf dem steht: Verantwortungslosigkeit.

Du bist ein Verantwortungsloser, wenn du hier nicht mitmachst.

Mir dämmert langsam, warum PvM mich gewarnt hat, dieses Fass aufzumachen. Ich hab jetzt zwei Baustellen vor mir, und am Horizont eröffnen sich neue. Erstens hab ich vor, euch zu schildern, wie das mit der Impfung ablief, denn selbstverständlich hab ich mich impfen lassen, und zweitens, was noch viel wichtiger ist, ich sollte darlegen, warum PvM recht hat.

Die Sache verzweigt sich, die Sache hat ein hohes Kriechvermögen, aus einem geplanten Beitrag werden zwei, dann drei, ist da irgendwann mal ein Ende in Sicht?

Ist ein Ende der Epidemie in Sicht?

Und vor allem, wenn es mit der Epidemie doch einmal zu Ende geht, ist dann auch ein Ende der Maßnahmen in Sicht?

(Das schrieb Peter Flamm für diese Seite am 14.10.2021, © Verlag Peter Flamm 2021)